Automatische Notbremsen im Auto: Wem nützen sie?

Neue Autos bremsen bei Gefahr selber. Automatische Notbrems-Systeme versprechen mehr Sicherheit für die Autofahrer und auch für die Fussgänger. «Kassensturz» zeigt, was diese Systeme taugen. Und ob sie wir wirklich mehr Sicherheit bieten.


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Automatische Notbremsen im Auto: Wem nützen sie?

7:13 min, aus Kassensturz vom 5.11.2013

In der Schweiz passieren pro Jahr rund 54‘000 Verkehrsunfälle. Dabei sind Ablenkung und Unaufmerksamkeit die häufigsten Unfallursachen. Eine Verbesserung könnten «Fahrerassistenzsysteme» schaffen, wie zum Beispiel die automatische Notbremsung.

Doch was können diese Systeme wirklich? Und wie profitieren die Schwächsten Verkehrsteilnehmer – die Fussgänger – von der neuen Technik? «Kassensturz» hat sie getestet.

Das Auto bremst von alleine

Der Autoingenieur Marcel Strub überwacht auf der Teststrecke in Vauffelin bei Biel die Versuche mit der automatischen Bremse. Deren Funktionsweise tönt vergleichsweise simpel: «Ein Notbremsassistent leuchtet ständig den Bereich vor dem Fahrzeug ab. Sobald er eine Gefahr erkennt, leitet er eine Bremsung ein. So wird eine Kollision verhindert», erklärt Marcel Strub vom Dynamic Test Center.

Kameras hinter dem Rückspiegel sowie ein Radar vorne am Kühlergrill halten die Strasse im Blick. Das System warnt zuerst den Lenker und bremst dann automatisch.

Doch funktioniert das System auch? «Kassensturz» macht auf einer nassen Teststrecke in Biel einen Versuch mit 40 Stundenkilometer. Resultat: Das Auto warnt und bremst rechtzeitig.

Doch schon beim zweiten Versuch mit 41 km/h reicht die Bremsstrecke nicht mehr. Das Auto stoppt zu spät. «Der Fahrer ist immer noch verantwortlich. Möglichst nahe auffahren und auf den Notbrems-Assisten hoffen, ist die falsche Fahrweise», sagt Marcel Strub von DTC

38 Prozent mehr tote Velofahrer!

Martin Winder vom VCS beobachtet die Versuche aus Sicht der schwächsten Verkehrsteilnehmer: der Fussgänger und Velofahrer. Für sie wäre mehr Sicherheit dringend notwendig. «Im letzten Jahr starben im Strassenverkehr mehr Fussgänger und Velofahrer als Autoinsassen», sagt Winder.

Grafik

Bildlegende: Weniger tote Autofahrer und Fussgänger, jedoch 38 Prozent mehr Velofahrer. SRF

Tatsächlich zeigt der Blick in die Verkehrsstatistik: Für die Insassen werden die Autos immer sicherer. Die Zahl der Getöteten sank in den letzten zehn Jahren von 274 auf 104, minus 62 Prozent.

Bei den Fussgängern allerdings ist der Rückgang der Todesopfer deutlich geringer, von 2002 bis 2012 minus 22 Prozent. Gar alarmierend die Opferzahl bei den Velofahrern, sie hat sich innert zehn Jahren um 38 % erhöht!

Fussgänger verletzen sich an Knien, Hüfte und Kopf

Schützt die automatische Notbremse auch Fussgänger? Video-Analysen von Crashtests zeigen: Bereits bei Innerorts-Geschwindigkeiten haben die Schwächeren schlechte Chancen.

«Die meisten Autos treffen Fussgänger erst in den Knien. Darauf schlagen sie mit der Hüfte auf der Kühlerhaube auf, der Kopf trifft dann auf die Windschutzscheibe. Bei einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde ist mit einer schweren Verletzung oder sogar mit dem Tod zu rechnen», sagt Marcel Strub.

«Kassensturz» stellt auf der Fahrbahn ein weiteres Szenario auf: Ein Dummie steht versteckt hinter parkierten Autos und «läuft» auf die Strasse. Eine typische Innerorts-Situation.

Der Test beginnt. Der Lenker bremst nicht. Das Auto schon. «Der Brems-/Fussgänger-Assistent hat voll eingeriffen. Zuerst akustische Warnung, dann die optische und dann hat die Bremsung eingegriffen», sagt Autoingenieur und Testpilot Marcel Strub. Der Unfall wurde vermieden. Das Auto steht ca. 30 Zentimeter vor dem Fussgänger

Der Versuch wird wiederholt. Jedes Mal fährt das Auto etwas schneller. Aber bereits Tempo 36 Km/h ist zu schnell. Der Dummie wird angefahren.

Gute Technik verleitet zu mehr Risiko

Von der Technik darf man keine Wunder erwarten. «Ein Risiko ist, dass sich der Fahrer zu sicher fühlt und immer näher ans Limit geht und noch näher auffährt. Je nach Automarke funktionieren die Systeme unterschiedlich. Auch funktionieren die Systeme bei Nebel und Tunnels nicht immer gleich gut. Solche Sachen muss der Fahrer wissen», sagt Marcel Strub.

Das VCS Ranking «sicheres Auto»

Die Aufstellung des VCS zeigt, wie sicher Autos sind. Und zwar für alle Verkehrsteilnehmer. Also auch für Fussgänger, Velofahrer und Insassen von anderen Autos.

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