Mehr Kraftfutter schadet der Milchqualität

Schweizer Milchkühe fressen immer mehr Futter aus dem Ausland. Importiertes Kraftfutter wie Soja trimmt die Kühe auf Hochleistung. Das schadet der Umwelt, beeinflusst aber auch die Milchqualität. Studien zeigen, dass Kühe, die nur Gras fressen, bessere Milch geben.

Video «Beitrag vom 1.2.2011: Soja statt Gras schadet der Milchqualität» abspielen

Beitrag vom 1.2.2011: Soja statt Gras schadet der Milchqualität

8:00 min, aus Kassensturz vom 1.2.2011

Schweizer Kühe fressen neben Gras und Heu immer mehr Importfutter. Die Rindviehhaltung verbraucht 41 Prozent der importierten Soja, die Milchwirtschaft allein mehr als ein Viertel. Und damit deutlich mehr als Schweine (29 Prozent) oder Geflügel (26 Prozent).

Für Marianne Künzle von Greenpeace ist dieses Resultat erstaunlich: «Ein Kuh kann ihren Nährstoffbedarf praktisch vollumfänglich durch Gras decken, wenn sie nicht auf Hochleistung gezüchtet ist. Sie braucht kein Soja.»

Soja-Import verzeichnet starken Zuwachs

Der Soja-Import steigt stetig

Bildlegende: Der Soja-Import steigt stetig SRF

Riesige Soja-Plantagen sorgen in den Anbaugebieten Südamerikas für Probleme mit Bodenerosion und Pestiziden. Einen grossen Teil der Ernte verbraucht die Landwirtschaft für die Tierfütterung. Die Soja-Importe in die Schweiz haben sich in den letzten zwanzig Jahren verzehnfacht, auf heute 280‘000 Tonnen.

Der Grund: Hochleistungskühe geben mehr Milch, wenn sie mehr Kraftfutter fressen. Milchbauern wollen so die Produktivität steigern. Dabei sei Kraftfutter nicht wirtschaftlicher als Gras, sagt Peter Thomet von der Schweizerischen Hochschule für Landwirtschaft. Zwar gebe die Kuh mehr Milch, der Bauer füttere aber auch mehr und habe höhere Kosten. «Ein Kilo Futter gibt rund ein Kilo Milch, egal ob viel Gras und Weide oder viel Kraftfutter.»

Dass es ohne Soja geht, zeigt Bauer Jakob Knaus aus dem Toggenburg. Er verzichtet seit Jahren auf Kraftfutter, gibt fast ausschliesslich Grünfutter. «Ich musste schauen, welche Kühe die Umstellung verkraften, aber insgesamt hat es sich gelohnt», sagt Knaus. Die Kühe gäben zwar weniger Milch, aber dafür habe er auch einen kleineren Aufwand beim Futter.

Mehr Gras – bessere Milch

Knaus‘ Kühe geben weniger Milch, aber sie ist qualitativ besser, weil die Kühe nur noch Gras fressen.

Eine Schweizer Kuh verzerrt rund 800 Kilo Kraftfutter

Bildlegende: Eine Schweizer Kuh verzerrt rund 800 Kilo Kraftfutter SRF

Das zeigen Studien an der Forschungsanstalt Agroscope. Das Labor hat Milchproben von unterschiedlichen Höfen analysiert und mit Peter Thomet ausgewertet. «Kühe, die viel Futter von Wiese und Weide fressen, geben gesündere Milch», sagt Thomet.

«Sie verfügt über eine bessere Zusammensetzung der Fettsäuren und enthält mehr ungesättigte Fettsäuren.» Die Milchqualität leidet also, wenn Bauern weniger Gras füttern und dafür Kraftfutter geben. Schweizer Milchbauern setzen aber immer mehr Kraftfutter ein. Der Verbrauch pro Kuh verdoppelte sich gemäss Schätzungen des Futtermittelherstellers UFA in den letzten zehn Jahren. Von 420 auf 800 Kilo Kraftfutter pro Kuh.

Christoph Grosjean-Sommer vom Verband der Schweizer Milchproduzenten SMP relativiert: «Schweizer Milch wird zu 75 bis 80 Prozent aus Gras produziert.» Der Kraftfutter-Einsatz sei im Vergleich mit dem Ausland viel tiefer. Und nicht für jeden Bauern lohne es sich, umzustellen auf mehr Gras im Futter.

Das bestätigt Milchbauer Rudolf Bigler. Sein Hof liegt in einem Ackerbaugebiet. Ihm fehlen zusätzliche Weiden für eine Umstellung. Neben Gras und Silage vom eigenen Hof verfüttert er auch Kraftfutter: «Dank dem Kraftfuttereinsatz sind meine Kühe in der Lage rund 25 Prozent mehr Milch zu geben», sagt Bigler.

Umstellen auf weniger Kraftfutter

Bauer Bigler hat Hochleistungskühe, die auf das Kraftfutter angewiesen sind. Verzicht ist deshalb schwierig: «Die Kühe würden Raubbau betreiben an ihrem Körper. Denn Milch wollen sie immer noch produzieren, aber sie können sich gar nicht mehr richtig ernähren», so Rudolf Bigler.

Jakob Knaus hat andere Kühe. Er sagt, seine Tiere würden ohne Kraftfutter seltener krank. Er beteiligt sich am Forschungsprojekt «Feed no Food» unter der Leitung von Christophe Notz von der Forschungsanstalt für biologischen Landbau.

Grasmilch für Konsumenten

Der Tierarzt erforscht, wie Kühe die Umstellung auf weniger Kraftfutter verkraften. Die bisherigen Resultate sind ermutigend: «Die Frage ist: Wird das Tier genügend versorgt? Und da können wir sagen, dass ein Grossteil der Schweizer Kühe eine Umstellung auf ein Futterregime mit weniger Kraftfutter verkraften würde.»

Bauern, die mehr Gras und Heu füttern, sollen künftig auch mehr Geld vom Staat erhalten. Der Bund plant entsprechende Beiträge in der laufenden Überarbeitung der Direktzahlungen. Vielleicht können auch Konsumenten bald wählen: Die Bauernvereinigung IP Suisse will eine speziell gekennzeichnete Grasmilch auf den Markt bringen.

Drei Fragen an Dr. Peter Thomet, Dipl. Ing.-Agr. von der Schweiz. Hochschule für Landwirtschaft SHL

Herr Thomet, Sie haben festgestellt, das Grasfütterung genauso effizient ist wie Kraftfutter. Warum stellen die Schweizer Landwirte nicht um?

Sie stellen nicht um, weil Sie einseitig auf die Jahresleistung pro Kuh als Erfolgsparameter fixiert sind. Zudem können sie mit Kraftfutter ohne eigene Futterfläche wachsen. Sie haben zum Ziel, die Milchmenge zu steigern und die Kosten zu senken.

Was sollte man Ihrer Meinung nach tun, um die Milchqualität zu verbessern?

Die Qualität der Milch kann verbessert werden, indem der Anteil Wiesen- und Weidefutter in der Jahresration gesteigert wird. Im Sommer sollten die Kühe viel grünes Gras fressen – am besten auf der Weide. Mais und Kraftfutter sollte weniger verfüttert werden. Dies führt zu einem höheren CLA-Gehalt der Milch. Das sind besonders gesunde Fettsäuren, die gut für das Blutkreislaufsystem sind.

Kann überhaupt die Nachfrage mit Milch aus reiner Grasfütterung gedeckt werden?

Ja, mittel- und längerfristig bestimmt. Die Ressource «Wiesen- und Weidefutter» ist im Übermass vorhanden; im Gegensatz zu Kulturen, die direkt der menschlichen Ernährung dienen, wie beispielsweise Brotweiten, Kartoffeln usw.