ÖV: Die fiesesten Rollstuhlfallen

Schätzungsweise 60'000 Menschen sind in der Schweiz auf den Rollstuhl angewiesen. Doch die autonome Benutzung des Öffentlichen Verkehrs ist für sie nach wie vor mühselig bis unmöglich.

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Rollstuhl-Schikanen im öffentlichen Verkehr

9:54 min, aus Kassensturz vom 27.9.2011

Vom Gesetzgeber kommt wenig Hilfe: Laut Behindertengleichstellungsgesetz können sich öffentliche Transportunternehmen bis 2024 Zeit lassen, Hindernisse zu beseitigen. Je nach Bundesentscheid sogar noch einmal 15 Jahre länger.

Sonja Häsler sitzt seit einem Unfall vor sechs Jahren im Handrollstuhl. Sie ist sehr sportlich, doch das nützt ihr im Öffentlichen Verkehr (ÖV) wenig. Es sei nach wie vor so, dass sie die öffentlichen Verkehrsmittel nicht völlig selbständig nutzen könne, sagt Häsler und ärgert sich: «Auch ich habe manchmal Termine, habe es pressant.»

Niederflurtrams ohne Rampen in Basel

«Kassensturz» war mit Sonja Häsler unterwegs in Basel. Immerhin fährt der Grossteil der Tram-Flotte bereits mit mindestens einem niederflurigen Wagen. Doch ohne Hilfe eines Chauffeurs kommt sie nicht einmal in das neueste Trammodell hinein. Seine Rampen müssen von Hand ausgeklappt werden.

In praktisch ganz Basel gibt es zudem noch kein erhöhtes Trottoir für einen ebenerdigen Einstieg in die Niederflurtrams. Das macht die Rampen oft viel zu steil. Ohne kräftige Hilfe geht’s nicht. Noch ärgerlicher: Ältere Tramtypen mit Niederflureinstieg – die aber keine Rampen mitführen.

«Kassensturz» und Sonja Häsler treffen Basels Regierungspräsidenten Guy Morin, an der Station Schifflände. Morin sieht vor Ort sofort, dass auch Handrollstuhlfahrer so nicht einsteigen können. Er versichert, dass die Haltestellen bis 2024 umgebaut sein würden. Und bis dahin? «Da könnte eine Investition in mobile Faltrampen sinnvoll sein», schlägt er vor.

Ärgerliche Traminseln in Zürich

Traminseln können ohne Hilfe kaum befahren werden

Bildlegende: Traminseln können ohne Hilfe kaum befahren werden SRF

Auch in Zürich liegt vieles noch im Argen, trotz Engagement von Stadt und Verkehrsbetrieben. Rund ein Drittel der Verkehrsmittel sind noch immer hochflurig. Der selbständige Rollstuhltrainer Daniel Wyss ist besonders auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Wegen einer Sehschwäche darf er nicht Auto fahren. Er zeigt wichtige Umsteigeplätze, die noch immer problematisch sind: Es sind Traminseln ohne Abflachung.

«Kassensturz» trifft Stadtpräsidentin Corinne Mauch am Heimplatz beim Kunst- und Schauspielhaus. Auch hier sind noch immer alle Traminseln ohne Abflachung. Mauch gibt zu, dass das problematisch sei, versichert aber: «Mit dem Umbau des Heimplatzes im Jahr 2016/17 wird auch dieser Platz rollstuhlgängig.» Zudem verspricht Mauch: «Bis 2024 werden alle Plätze barrierefrei sein.»

Steile Auffahrtsrampen bei den SBB

Rollstuhlfahrer, die mit den SBB reisen möchten, müssen sich vorher kundig machen, wo das autonom möglich ist. 84 Prozent des SBB-Angebots sind zwar rollstuhlgängig. Doch teils nur mit Hilfe – die erst noch mindestens eine Stunde im Voraus angefordert werden muss. Spontanes Reisen wird damit unmöglich.

Steile Rampen erfordern sehr viel Kraft

Bildlegende: Steile Rampen erfordern sehr viel Kraft SRF

Zudem sind viele Rampen, die auf das Perron führen, schlicht zu steil für Handrollstuhlfahrer. Selbst die sportliche Sonja Häsler, die regelmässig zur Arbeit nach Olten pendelt, kommt dort nur mit Hilfe auf das Perron. Das Gleichstellungsgesetz erlaubt maximal zwölf Prozent Steigung, was bei vielen Bauten auch ausgenutzt wird. Doch das ist für viele Handrollstuhlfahrer zu steil. Und auch im neu renovierten Bahnhof Olten sind nur zwei von acht Perrons mit einem Lift erreichbar.

Werner Jordan, Leiter für Reisende mit Handicap bei den SBB, erklärt: Platzmangel sei der Grund für die steilen Schweizer Rampen und ein Kompromiss aller Beteiligten. «In grösseren Bahnhöfen bauen wir subsidiär einen Lift dazu.»

Reisen im Gepäckabteil

Dominik Zenhäusern (10) leidet an einer Muskelerkrankung. Da er wenig Kraft hat, ist er auf einen ElektroRollstuhl angewiesen.

Die Familie reist besonders gerne ins Bündnerland. Auf der Albulalinie von Chur nach St. Moritz müssen Rollstuhlfahrer noch immer im Gepäckwagen reisen. Frustrierend für Dominik: «Das ist nicht lustig. Ich möchte im normalen Abteil auf einem normalen Stuhl sitzen, so wie andere Leute auch.»

Christian Florin ist Leiter Infrastruktur bei der Rhätischen Bahn. Für ihn ist klar: Auch auf der Albulalinie soll Dominik im Passagierabteil reisen können, und zwar bald. «Spätestens 2014 können wir allen Passagieren überall den gleichen Reisekomfort bieten.»

20 Jahre Zeit für Reformen

Fest steht: Spontan können Rollstuhlfahrer per ÖV nicht reisen. Ohne Planung geht es nicht. Erst recht für Menschen, die nicht ortskundig sind.

Seit Anfang 2004 ist das so genannte Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft. Es sieht vor, dass Blinde, Hörbehinderte und Menschen mit einem körperlichen Handicap die öffentlichen Verkehrsmittel spätestens 2024 barrierefrei und autonom benutzen können.

Doch nun drohen noch längere Wartezeiten. Das Parlament debattiert voraussichtlich am Freitag aus Spargründen über eine Fristerstreckung von 15 Jahren auf Anfang 2039.

Mit dieser Fristerstreckung würde der Bund 5 bis 10 Millionen Franken jährlich sparen. Ein Klacks für den Bund, aber eine Welt für Rollstuhlfahrer.