Rinderzucht: Für diese Produkte stirbt Regenwald

Bündnerfleisch, Sportschuhe oder Polstermöbel haben eines gemeinsam: Ihre Herstellung zerstört den Regenwald. Illegal roden Rinderzüchter den Amazonas. Sie beliefern die Welt mit Fleisch und Billigleder. Weltkonzerne wie Adidas, Nike oder Ikea und auch die Schweizer Fleischbranche profitieren.

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Rinderzucht: Für diese Produkte stirbt Regenwald

11 min, aus Kassensturz vom 23.6.2009

Die Gerberei Emme Leder im Emmental verarbeitet Schweizer Rindsleder, das bereits vorgegerbt ist. Schweizer Rinderhäute gelten als qualitativ hochwertig. Ihr Preis: 45 Franken pro Quadratmeter. Das ist viel. Brasilianische Rindsleder kosten nur ein Viertel. Neben Taschen und Zaumzeug produziert Emme Leder in der hauseigenen Sattlerei vor allem Kuhglockenriemen – 10'000 Stück pro Jahr.

Sehr billig und gefragt

Für alle Produkte setzt die Gerberei bevorzugt Schweizer Rindsleder ein. Brasilianisches Leder eigne sich dazu nicht, es sei nicht zu vergleichen mit unserer Rohware, sagt Geschäftsführer Markus Meier: «Brasilianische Rohware ist minderwertig, sie enthält viele Insektenstiche, Schnitte und Narbenfehler.» In gewissen Bereichen könne sie dennoch eingesetzt werden. «Dort wo viel Farbe aufs Leder kommt. Da ist sie sehr billig und gefragt», sagt Meier.

Ledergerberei im brasilianischen Amazonasbundesstaat Mato Grosso: Dort werden die Rohhäute entfleischt und enthaart und für den Weitertransport vorbereitet. Brasilien exportiert weltweit am meisten Leder. Im letzten Jahr waren es Lederwaren im Wert von knapp zwei Milliarden US-Dollar. Brasiliens Herden zählten bereits vor drei Jahren 169 Millionen Rinder. Fast die Hälfte dieser Rinder weiden bereits in den Amazonasstaaten. Und es werden immer mehr.

Das Problem: In dieser unzugänglichen Region üben die Behörden wenige Kontrollen aus. Die Folgen sind illegale Waldrodungen. Über 90 Prozent der Urwaldvernichtung im Amazonasgebiet verstösst gegen brasilianisches Gesetz. Die Rinderindustrie in Brasilien sei für die Umwelt höchst problematisch, sagt Forstingenieurin Asti Roesle von Greenpeace. Einerseits werde der Wald zerstört und andererseits Sklaverei betrieben. «80 Prozent der Rodungen werden durch die Rinderproduktion verursacht. Das ist eine riesige Zahlt», stellt Roesle fest.

Satellitenbilder verglichen

Innerhalb von nur zehn Jahren sind im Amazonasgebiet gigantische Waldflächen der Landwirtschaft zum Opfer gefallen – eine Fläche zwei bis dreimal so gross wie die Schweiz. Weideland für die Rinderindustrie verdrängt ökologisch wertvollen Regenwald. Greenpeace verglich Satellitenbilder mit Rodungsverboten der brasilianischen Behörden und Daten der Rinderindustrie – und fand laut Roesle heraus, dass die fünf grossen Viehverarbeiter und -exporteure in «illegale Waldrodungen, illegale Landnutzung und Sklaverei» verwickelt sind.

Unter den fünf kritisierten Viehverarbeitern sind auch zwei grosse Lederexporteure, die ihre Produkte international vermarkten. So bringen die Lederexporteure ihre Ware auf den Weltmarkt: Farmen auf illegal gerodetem Gebiet liefern Rinder an Schlachthöfe und Gerbereien im Amazonasgebiet. Grössere Gerbereien in Hafennähe verarbeiten Rinderhäute aus ganz Brasilien.

80 Prozent des Leders beziehen Italien, Vietnam und China. Zulieferfirmen für grosse internationale Konzerne verarbeiten das brasilianische Leder zu Schuhen. Aber auch Möbel und Autohersteller sind wichtige Abnehmer von Rindsleder aus Brasilien. Die Produkte gehen um die ganze Welt.

Runder Tisch

Diese fünf Konzerne haben bestätigt, sie würden Rindsleder aus Brasilien für ihre Produkte verwenden: Adidas, Nike, Toyota, Ikea und Timberland. Adidas, ein grosser Abnehmer von brasilianischem Rindsleder, schreibt «Kassensturz», sie hätten sich auf ihren Lieferanten verlassen. «Die Adidas-Gruppe bekennt sich zu nachhaltigen Geschäftspraktiken, illegale Abholzungen des Regenwalds unterstützt Adidas nicht. Wir wollen mit anderen Lederverarbeitern und Greenpeace über das Problem diskutieren, um gemeinsame Lösungen anzustreben.» Auch Nike will handeln und sich mit allen Betroffenen aus der Branche an einen runden Tisch setzen.

Von den brasilianischen Betrieben, die in illegale Waldrodungen verstrickt sind, beziehen auch Schweizer Importeure Rindfleisch. Vor allem Filetstücke und Entrecotes sind hierzulande begehrt. Die Schweizer Rindfleischproduktion deckt die Nachfrage von Edelstücken nicht. Dazu kommt: Brasilianisches Rindfleisch ist billig. Zum Vergleich: Ein Schweizer Rindsnierstück kostet derzeit pro Kilo 40 Franken, brasilianisches unter 30 Franken.

Im Amazonasstaat Mato Grosso besitzen fast alle grosse Fleischexporteure Schlachthöfe und Farmen. Auch Grossproduzent Marfrig: Sein Schlachthof Tangara da Serra verarbeitet Rinder von rund 50 umliegenden Farmen, die zum Teil Weideland illegal gerodet haben. Von diesem Schlachtbetrieb bezieht ein Grossimporteur in Basel Rindfleisch. GVFI International will vor der Kamera keine Stellung nehmen.

Kaum rückverfolgbar

Die Firma schreibt «Kassensturz», dass sie nur von EU-zertifizierten Betrieben Rindfleisch importieren würden. «Die erste Lieferung Rindfleisch erhielten wir bereits vor 37 Jahren aus dem Vorgängerbetrieb in Tangara da Serra.» Damals sei die Viehwirtschaft schon weit verbreitet gewesen. «Da wir die Dauer der Rindertransporte vorgeben, können die Rinder nicht aus illegal abgeholztem Amazonasgebiet stammen», sagt GVFI International.

Allerdings: Die EU-Zertifizierung – auch für die Schweiz Vorschrift – löst das Problem nicht. Die Rückverfolgbarkeit von den Schlachthöfen zu den Farmen ist kaum möglich. Dazu kommt: Die EU kontrolliere nur Hygienebestimmungen und den Seuchenschutz, sagt Greenpeace. «Aber was ökologische und soziale Kriterien betrifft», so die Forstingenieurin weiter, «hat man schlichtweg keine Kriterien und das sollte sich natürlich unbedingt ändern.»

«Kassensturz» fand verschiedene Rindfleischprodukte aus Brasilien bei fast allen Schweizer Grossverteilern. Die Detailhändler kaufen ihr Fleisch von Importeuren, die ihre Ware zum Teil aus dem heiklen Amazonasgebiet beziehen. Zum Beispiel Trockenfleisch aus der Migros, von Manor und Coop.

Bereit zum Verzicht

Migros sagt, sie teile die Einschätzung des «Kassensturz», dass es heikel sei, aus solchen Gebieten Fleisch zu beziehen: «Abklärungen mit unserem Importeur haben ergeben, dass es möglich ist, kein Fleisch mehr aus diesen heiklen Gebieten zu importieren, was wir somit ab sofort unterlassen werden», schreibt das Unternehmen. Auch Coop kündigt an, künftig kein Fleisch mehr von den genannten Produzenten zu beziehen. Manor schreibt ebenfalls, sie würden per sofort bis auf weiteres kein Trockenfleisch aus dem Amazonasgebiet akzeptieren.