Überfüllte Züge: «Problem wird sich verschärfen»

Zu Stosszeiten herrscht im öffentlichen Verkehr oft ein unerträgliches Gedränge. Und die Situation wird nicht besser: Bis 2030 werden im Zugverkehr rund 50 Prozent mehr Pendler erwartet. «Espresso» hat der SBB-Spitze vier Vorschläge für eine Entlastung der Stosszeiten vorgelegt. Hier die Reaktion.

Die SBB transportieren jeden Tag mehr als eine Million Menschen. Und die Passagierzahl wird in den nächsten 15 Jahren nochmals massiv steigen. Um rund 50 Prozent.

Die Ursache der extremen Belastungsspitzen liegt gemäss SBB jedoch nicht nur daran, dass die meisten Arbeitnehmer und Schüler zur gleichen Zeit reisen wollen. Es gäbe noch einen anderen, sehr menschlichen Grund, sagt Jeannine Pilloud, Chefin Personenverkehr der SBB gegenüber dem Konsumentenmagazin «Espresso» von Radio SRF 1: «Jeder hat das Bedürfnis, mit der schnellstmöglichen Verbindung von A nach B zu kommen. Züge, die weniger schnell, aber dafür nicht so überfüllt sind, werden oft nicht so gern benutzt.»

Was also sagt Jeannine Pilloud zu den Vorschlägen von Experten und «Espresso»-Hörerinnen und Hörern, die Stosszeiten im öV zu entlasten?

Vorschlag 1: Rabatte für Randzeiten

Idee: Die Ticket-Preise sollen variieren, je nach dem zu welcher Zeit und auf welcher Strecke jemand reist. Zu Stosszeiten und auf viel befahrenen Strecken sollen Billette teurer sein. Zu Randzeiten massiv günstiger.
Antwort: «Gibt es schon», sagt Jeannine Pilloud: «Heute können Sie online oder via Handy Sparbillette mit teilweise bis zu 50 Prozent Rabatt lösen, wenn Sie sich verpflichten, einen bestimmten Zug zu nehmen.» Gerade kürzlich kritisierte jedoch der Preisüberwacher die Sparbillett-Politik der SBB. Statt der geforderten 5000 Spartickets verkaufe die SBB täglich nur deren 2000.

Vorschlag 2: Stehwagen zu Stosszeiten

Idee: Der Sitzplatz auf dem Weg zur und von der Arbeit gehört der Vergangenheit an. Künftig sollten zu Stosszeiten nur noch Stehwägen eingesetzt werden.
Antwort: Im Kanton Baselland habe die SBB bereits Versuche mit Stehplatz-Zonen gemacht, «die grundsätzlich auf sehr positives Echo gestossen sind», sagt Jeannine Pilloud. Jedoch seien reine Stehplatzwagen nicht allen Reisenden zuzumuten. Die Mischung zwischen Steh- und Sitzplatz-Zonen werde man aber künftig noch weiter optimieren, so die SBB.

Vorschlag 3: Ausflügler und Schüler erst ab 9 Uhr

Idee: Ausflügler und Schüler sollen Berufspendlern zu Stosszeiten nicht auch noch die raren Plätze streitig machen. Sie dürfen deshalb erst ab 9 Uhr reisen.
Antwort: Für die Chefin Personenverkehr der SBB ist ein solches Verbot keine Option: «Wir wollen keine Fahrgäste diskriminieren», so Pilloud. «Damit würden wir die Freiheit der Leute limitieren.» Dass die Politik darauf hinwirkt, dass der Schulbeginn gestaffelt wird, stösst bei der SBB aber durchaus auf offene Ohren.

Vorschlag 4: Höhere Billett-Preise

Idee: Die Preise für den öffentlichen Verkehr sind einfach zu billig. Mit höheren Ticketpreisen würden sich viele überlegen, ob sich das Pendeln über weite Strecken noch lohnt.
Antwort: Eine Preiserhöhung ist für Jeannine Pilloud keine Lösung: «Grundsätzlich sind wir nicht der Meinung, dass der öV zu günstig ist. Bei gewissen Tarifen sind wir schon am Ende der Fahnenstange angelangt.»

SBB setzt auf Optimierung
Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2015 setzt die SBB bereits einige Punkte zur Verbesserung der Situation um, wie beispielsweise der Viertelstundentakt zwischen Bern und Zürich. Für Jeannine Pilloud stehen längere Züge, neue Verbindungen, Ausbau der Infrastruktur, optimiertes Rollmaterial und Optimierung der Fahrpläne im Vordergrund.

Doch das Ringen um mehr Kapazitäten werde nie aufhören, so Pilloud: «Für uns ist das ein kontinuierliches Rennen. Sie müssen sich vorstellen: Wenn es bis im Jahr 2030 rund 50 Prozent mehr Zugpassagiere gibt, werden wir zu keinem Zeitpunkt zurücklehnen können.»