Weniger Widerstand gegen Schneekanonen

Immer mehr Skigebiete setzen auf Schneekanonen. Rund 40 Prozent der Schweizer Skipisten werden künstlich beschneit. Den grossen Strom- und Wasserverbrauch der Anlagen wollen Forscher mit neuen Entwicklungen senken.

Speicherseen

Bildlegende: Für den Kunstschnee mussten viele Speicherseen gebaut werden (Hier: Kleine Scheidegg). Keystone

In Melchsee-Frutt läuft in diesem Winter ein Versuch mit einer Null-Energie-Schneilanze. «Diese Lanze läuft nur noch mit dem Wasserdruck», erklärt Hansueli Rhyner vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos.

Zusätzlichen Strom benötigt sie nicht. Andere moderne Schneelanzen brauchen rund 90 Prozent weniger Strom als alte Schneekanonen.

Wasser sparen durch gezieltes Beschneien

Im Gegensatz zum Strom lässt sich der Wasserverbrauch für die Produktion von Kunstschnee nicht gross reduzieren. Hansueli Rhyner sagt: «Rein physikalisch braucht es für eine bestimmte Menge Schnee auch eine bestimmte Menge Wasser.»

Um bei Beschneiungs-Anlagen Wasser zu sparen, suchen Forscher Wege, die Anlagen gezielter einzusetzen. Einerseits sollen bessere Wetterprognosen und Klimamodelle helfen, den idealen Zeitpunkt für die Schneeproduktion zu finden. Andererseits soll das sogenannte «Schnee-Management» helfen.

Messgeräte zeigen dem Fahrer online die Schneehöhe unter dem Pistenbully an. «So kann er Schnee wegnehmen, wo es viel hat, und ihn dorthin verschieben, wo es wenig hat», erläutert Schneeforscher Hansueli Rhyner das Prinzip. Diese Daten werden erfasst und ausgewertet.

So können die Skigebiete nur dort Schnee produzieren, wo es ihn auch wirklich braucht. Mit der Zeit können sie ihre Beschneiungs-Anlagen dann gezielt nur noch dort aufstellen, wo regelmässig zu wenig Schnee liegt.

In 10 Jahren 4-mal mehr beschneite Pisten

Diesem technischen Fortschritt steht die Ausbreitung der Schneekanonen gegenüber:

Waren in der Skisaison 2002/03 noch gut 10 Prozent der Pisten beschneit, sind es inzwischen rund 4-mal mehr (Winter 10/11 39 Prozent). Dadurch steigt der Strom- und Wasserverbrauch weiter an.

Dieser Ausbau geht nicht ohne Eingriffe in die Landschaft: Die Skigebiete verlegen Leitungen, bauen Pumpstationen und künstliche Seen als Wasserspeicher.

Laut einer neuen Studie des SLF besonders heikel ist, dass im Sommer Berghänge planiert werden, damit sie im Winter einfacher präpariert werden können. Auf solchen Hängen wachsen weniger Pflanzen und auch die Artenvielfalt ist kleiner.

Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) begleitet diese Entwicklung kritisch. Bafu-Sprecher Adrian Aeschlimann: «Unsere Grundhaltung ist, dass in Schutzgebieten wie Moorbiotopen oder Trockenwiesen von nationaler Bedeutung keine Beschneiungs-Anlagen stehen sollen. Künstliche Beschneiung kann diese

heiklen Ökosysteme stark stören.»

Widerstand war früher grösser

Widerstand gegen Schneekanonen regt sich heute nur noch leise. Ganz anders als die Bergbahnen von Savognin (GR) Ende der 70er Jahre die erste grosse Anlage mit Schneekanonen in der Schweiz installierten.

Die Bilder vom weissen Schneeband auf der grünen Wiese lösten damals grosse Diskussionen aus. Umweltschützer schlugen Alarm. In Bergkantonen und im Bundesparlament wurde vor gut 20 Jahren gar über ein Verbot von Schneekanonen abgestimmt.

Bis kurz vor der Jahrtausendwende wurde in der Schweiz nur punktuell beschneit. Bündner Skigebiete durften bis 1998 höchstens 5 Prozent ihrer Pisten beschneien. Dann hob das Stimmvolk diese Klausel auf. Seither steigt die Zahl der beschneiten Pisten rasant an.

Energie wie Stadt Biel, so viel Wasser wie Stadt St. Gallen

Schon im Jahr 2010 zeigte Kassensturz, dass Schneekanonen sehr viel Strom und Wasser benötigen:

Video «Wie viel Kunstschnee braucht das Land?» abspielen

Wie viel Kunstschnee braucht das Land?

7:22 min, aus Kassensturz vom 14.12.2010

Video «Volle Kanone gegen die Natur» abspielen

Volle Kanone gegen die Natur

9:29 min, aus Kassensturz vom 7.12.2010

Pro und Kontra

Im Streitgespräch kreuzen Ueli Stückelberger, Direktor Seilbahnen Schweiz, und Marcel Liner, Alpen-Experte von Pro Natura, die Klingen. Zum Pro&Contra