Gesundheitskosten: Fantasiepreise für Medizinalgeräte

Krankenkassen müssen für Medizinalprodukte viel zu viel bezahlen. Denn der Staat verordnet Höchstpreise. Die Hersteller verdienen sich so eine goldene Nase. Ein Hohn für die Versicherten. Denn bereits jetzt steht fest: Die Krankenkassenprämien werden dieses Jahr wieder markant ansteigen.

Video «Gesundheitskosten: Fantasiepreise für Medizinalgeräte» abspielen

Gesundheitskosten: Fantasiepreise für Medizinalgeräte

9:00 min, aus Kassensturz vom 20.9.2005

Als Diabetiker muss Walter Rüdisühli regelmässig seinen Blutzuckerspiegel kontrollieren. Zur Bestimmung des Insulinwerts braucht er einen kleinen Messstreifen aus Papier. Diese bezahlt die Krankenkasse. In der sogenannten Migel, der Liste für Mittel- und Gegenstände, ist festgehalten, wie viel die Kassen maximal zahlen müssen. Für 50 Messstreifen sind dies Fr. 64.60. "Diese Teststreifen sind recht teuer. Und wenn man bedenkt, dass viele Patienten vier bis fünf mal messen müssen, dann geht das recht ins Geld für die Krankenkassen", sagt der Diabetiker. Die Messstreifen kosten fast alle Fr. 64.60. Die Kassen zahlen also den Höchsbetrag. Die gleichen Messstreifen kosten in Deutschland 27 Prozent weniger. Die Krankenkassen vergüten jährlich rund 60 Millionen Messstreifen und zahlen somit rund 25 Millionen Franken zu viel.

Die Migel führe zu überrissenen Preisen, findet Ruth Humber, CVP-Nationalrätin und Regionalleiterin von Santésuisse. Mit einer Motion verlangt nun Nationalrätin Humbel nun die Änderung des Krankenversicherungsgesetztes und damit der Migel. "In der Migel sind Höchstpreise festgesetzt. Das ist falsch, weil die Höchstpreise zu Richtpreisen werden. Dies wiederum verhindert die Preiskonkurrenz unter den Anbietern und führt dazu, dass wir zu hohe Preise zahlen." sagt Humbel. Selbst Industrievertreter können nicht bestreiten, dass der Preis der Migel zu hoch ist: "Natürlich haben solch regulierte Höchstvergütungsbeiträge eine magnetische Wirkung, und jeder wird sich an diesen orientieren", sagt Jürg Schnetzer, Geschäftsleiter des Branchenverbandes FASMED. "Auf der anderen Seite können aber die Kranekversicherer Anträge zur Senkung solcher Tarife stellen. Nur reden wir wieder von drei Jahren Bearbeitungszeit."

Für Beatmungsgeräte dürfen die Hersteller gemäss Migel maximal 12'000 Franken verrechnen. Genau diesen Betrag verlangt Hersteller Resmed offiziell in der Schweiz. Das gleiche Gerät kostet in den USA 4090 Franken - das sind 66 Prozent weniger. Ohne Rabatt kosten diese Geräte 12'000 Franken. Die Krankenkasse Assura weigert sich, diesen Betrag zu zahlen: "Es gibt keinen Grund, der einen solchen Preisaufschlag in der Schweiz rechtfertigt. Wir werden diesen Preis anfechten und werden das Urteil wenn nötig auch weiterziehen", sagt Fredi Bacchetto, Vizedirektor der Assura. Die enorme Preisdifferenz zwischen den USA und der Schweiz bringt selbst die Marketing Managerin der Firma Resmed in Erklärungsnotstand: "Wenn Sie mit den USA-Preisen vergleichen, haben Sie Recht. Wir haben eine Menge Kosten, die entstehen, durch Transport, Zoll, durch CE-Labelling. Und zudem haben wir hier in der Schweiz ganz hohe Lohnkosten", sagt Ann Ryckx. Beatmungsgeräte sind Big Business: Der Weltkonzern Resmed gehört zu den schnellst wachsenden Firmen in den USA und vermeldet Jahr für Jahr Rekordgewinne. "In der Migel sind überhöhte Preise festgehalten. Das Bundesamt für Gesundheit ist für diese Liste verantwortlich, und wir fordern es deshalb auf, diese Missstände zu korrigieren", sagt der Vizedirektor der Assura.

Auch Preisüberwacher Rudolf Strahm wehrt sich gegen staatlich verordnete Fantasiepreise: "Nach unseren Berechnungen und Erfahrungen sind die Preise stossend hoch. Es besteht Handlungsbedarf, denn das Sparpotential beläuft sich auf einen dreistelliger Millionenbetrag", sagt Strahm. Fachleute schätzen, dass die Krankenkassen über 200 Millionen Franken zuviel für Medizinalprodukte zahlen. "Das berappen natürlich wir Prämienzahler", sagt der Preisüberwacher.

Die Preise, die das Bundesamt für Gesundheit verantwortet, sind hoffnungslos veraltet und verglichen mit den Ausland völlig überhöht. Medizinalprodukte wie zum Beispiel Verbandklammern finden sich auch im Sortiment eines Grossverteilers wie der Migros. Die Migel erlaubt pro Verbandklammer 52 Rappen. In der Migros kostet das Stück nur 32 Rappen, also 40 Prozent weniger. Fussgelenkbandagen kosten in der Migros 79 Franken, die Migel erlaubt 100 Franken. Die Migros ist 21 Prozent billiger. Für Stöcke erlaubt die Migel 90 Franken. In der Apotheke kostet ein komfortables Paar 67 Franken. Ein einfaches Modell aus dem Sanitätsfachhandel kostet gar nur 30 Franken und liegt so 67 Prozent unter dem Migel-Preis. Das krasseste Beispiel eines Fantasie-Preises sind Vliesskompressen zur Wundversorgung: Für zwei Stück zahlt die Migel 20 Franken. Im Sanitätsfachhandel kosten die zwei Stoff-Stücke gerade mal 75 Rappen! Hans Heinrich Brunner, Vizedirektor des BAG und Migel-Verantwortlicher, gibt zu: "Das sind ganz klar Preise, die nicht akzeptabel sind. Wir müssen die Migel revidieren. Und das machen wir nicht nur, weil uns langweilig ist." Brunner verspricht: Die Preise der Migel sollen marktgerechter werden - auch im Vergleich zum Ausland. Der Reformprozess dauert bis 2008. Bis dann verpulvert der Staat noch Jahr das Geld der Prämienzähler.