Pensionskassen: Broker kassieren auf Kosten der Angestellten

Kaum jemand weiss davon: Pensionskassen zahlen Vermittlern hohe Provisionen, um Betriebe unter Vertrag zu nehmen. «Kassensturz» zeigt: Es geht um hunderte Millionen Franken jährlich. Die Provisionen schmälern die Altersrenten der Arbeitnehmer empfindlich. Der Bund will jetzt mehr Transparenz.

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Pensionskassen: Broker kassieren auf Kosten der Versicherten

16 min, aus Kassensturz vom 1.10.2013

400 Franken pro Versicherten und Jahr. So viel kassiert ein Makler oder Broker, wenn er ein Unternehmen mit 200 Angestellten an eine bestimmte Pensionskasse vermittelt. Für den gesamten Betrieb sind es 70'000 Franken, die der Broker jährlich von der Pensionskasse erhält.

Der unabhängige Pensionskassenberater Rudolf Burkhardt hat diese Zahlen anhand eines realen Beispiels berechnet: Ein Unternehmen aus der Metallbranche im Kanton Solothurn, das eine neue Pensionskassenlösung sucht.

Pensionskassen verlieren Millionen

Recherchen des «Kassensturz» zeigen, dass in der zweiten Säule pro Jahr mehrere Hundert Millionen Franken an Provisionszahlungen fliessen. Betroffen von den Zahlungen sind diejenige Betriebe, die sich einer Sammeleinrichtung einer Versicherung oder eines anderen Anbieters angeschlossen haben.

Rund zwei Millionen Arbeitnehmer sind in der Schweiz insgesamt bei Sammel- oder Gemeinschaftseinrichtungen versichert.

«Pensionskassen ohne Provisionen haben keine Chance»

Bei der Wahl der Pensionskasse lassen sich viele KMU von einem Makler oder Broker beraten. Die Pensionskasse zahlt dem Makler Provisionen, wenn das KMU mit ihr einen Vertrag abschliesst. Nicht nur beim Vertragsabschluss kassiert der Broker, sondern jährlich, bis ans Vertragsende.

Provisionen-Zahlungen in der 2. Säule

Ausgewählte Versicherungen/ StiftungenZahlungen 2012 in Millionen Franken
Axa Winterthur Versicherung a)27,9
Allianz Versicherung a)30,1
Basler Versicherung a)4,6
Helvetia Versicherung a)18,8
Swisslife Versicherung a)65
Zürich Versicherung a)44,7
ASGA Sammelstiftung b)3,6
Gemini Sammelstiftung b)3,7
Nest Sammelstiftung b)1,1
Pensionskasse Pro Sammelstiftung b)5,2
Profond Sammelstiftung b)4,8 Mio. für Makler- und Brokertätigkeit und 2,2 Mio. Akquisitions- und
Bestandespflegekosten.
Provisionen deklariert als a) "Abschlussaufwendungen" in der Betriebsrechnung. b) Für "Makler- und Brokeraufwand" gemäss Jahresbericht

Für Branchenkenner Rudolf Burkhardt, der KMU auf Honorarbasis berät, führen solche Zahlungen zu Interessenkonflikten. Burkhardt kritisiert im «Kassensturz»: «Gute Pensionskassen, die keine Provisionen zahlen, habe keine Chance, wenn ein Broker die Beratung macht».

120 Franken weniger Altersrente

Für die Angestellten und zukünftigen Rentner haben diese Provisionen Folgen: Hohe Provisionen schmälern die künftige Rente empfindlich, wie Burkhardt für «Kassensturz» berechnet hat.

Würde man die oben erwähnten 400 Franken, die der Broker pro Versicherten und Jahr erhält, auf das Konto des Versicherten überweisen und nicht an den Broker, hätte der Versicherte nach 35 Jahren jeden Monat rund 120 Franken mehr Altersrente zur Verfügung.

Auch der Pensionskassenberater Florian Bodenmann von der Besser Vorsorgen AG, die Kunden auf Honorarbasis berät, sagt: «Überhöhte Provisionen schmälern die späteren Altersrenten». Er beobachtet, dass ausgerechnet jene Pensionskassen stark wachsen, die hohe Provisionen zahlen.

Unnötige Verteuerung der Verwaltung

Doris Bianchi, geschäftsführende Sekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB), kritisiert, dass solche Zahlungen in einer Sozialversicherung nichts verloren haben.

«Jeder Franken, der einbezahlt wird, muss den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu Gute kommen. Es geht nicht an, dass sich jemand in der zweiten Säule bereichert.» Die Provisionen würde die Verwaltung der Pensionskassen unnötig verteuern.

Die Provisionszahlungen seien gerade bei grösseren Betrieben zu hoch, kritisiert auch Rudolf Burkhardt. Dass überhaupt derart hohe Summen bezahlt werden können, liegt auch daran, dass kaum jemand über die Höhe der Zahlungen Bescheid weiss. Nur wenige Broker legen die Höhe der Provisionszahlungen offen und leiten diese an ihre Kunden weiter.

Lebensversicherer geben Höhe nicht bekannt

«Kassensturz» hat mehrere Sammelstiftungen angefragt und wollte die Höhe der Provisionszahlungen an Broker und Makler in Erfahrung bringen. Wenig transparent geben sich die angefragten Lebensversicherer.

Nur die Allianz gibt eine Zahl bekannt: Die BVG-Provisionszahlungen hätten im 2012 14,1 Millionen Franken betragen. Das entspreche rund 133 Franken pro Versicherten.

Bei den anderen Versicherungsgesellschaften geben die Betriebsrechnungen einen Anhaltspunkt: Unter dem Titel «Abschlussaufwendungen» machen die Versicherer dort Angaben, wobei diese Aufwendungen die Provisionszahlungen an Broker nur teilweise wiedergeben.

Bei der Swiss Life beispielsweise betrugen die Abschlussaufwendungen im Jahr 2012 65 Millionen Franken. Autonome Sammelstiftungen weisen die Höhe der Provisionszahlungen in ihren Jahresrechnungen auf.

«Zahlungen sind gerechtfertigt»

Moritz Kuhn, Präsident des Brokerverbands Siba, betont, dass sich die Siba-Broker verpflichtet hätten, die Provisionen offenzulegen. Die Höhe der Zahlungen an die Broker sei gerechtfertigt.

Der Broker überwache den Vertrag und übernehme zahlreiche administrative Aufgaben für die Pensionskasse, so Kuhn. Zudem könne ein Broker mit einer geeigneten Lösung für den Kunden hohe Einsparungen erzielen.

Pikant ist, dass gemäss der BVG-Verordnung Provisionszahlungen nur legal sind, wenn der Broker das Entschädigungssystem gegenüber den Kunden offen legt. Eine Pflicht, die Kunden über die genaue Höhe der Provisionen zu informieren, besteht jedoch nicht.

Gemäss Verordnung sind hingegen Provisionszahlungen, für die der Broker keine Gegenleistung erbringt, illegal. Dies bestätigt Colette Nova, Vizedirektorin im Bundesamt für Sozialversicherungen und verantwortlich für die Pensionskassen. Doch eine Kontrolle sei schwierig. Nova sagt: «Wir haben in der beruflichen Vorsorge eine griffige Aufsicht. Was die Broker anbelangt, ist dies anders».

Bundesamt will Klarheit

Auch das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) will jetzt Transparenz über die Höhe der Provisionszahlungen im BVG-Geschäft. Kürzlich hat es eine Ausschreibung für eine Untersuchung über die «Verwaltungskosten der Lebensversicherer im Bereich der 2. Säule» publiziert.

Gegenstand dieser Studie sollen auch die «Kosten im Zusammenhang mit der Vertragsakquisition, die Vermittlungskosten, die Marketing- und Werbekosten» sein. Mit der Untersuchung will das BSV die Transparenz im Hinblick auf die Reform der Altersvorsorge 2020 verbessern.

Im Studio nahm Lucius Dürr, Direktor des Schweizerischen Versicherungsverbands Stellung.

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Studiogespräch mit Lucius Dürr, Direktor Schweizerischer Versi...

7:05 min, aus Kassensturz vom 1.10.2013

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