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Versicherungen Spardruck ruiniert Behinderte

Die Invalidenversicherung muss sparen. Folge: Die IV klärt Fälle länger und aufwändiger ab. Das ist gut, aber darunter leiden auch echte Invalide. Viele müssen jahrelang auf den Bescheid warten. Geraten in Existenznot. Landen bei der Sozialhilfe.

Legende: Video «Kontrollwahn treibt Behinderte in Ruin» abspielen. Laufzeit 8:15 Minuten.
Aus Kassensturz vom 28.09.2010.

Die Aargauerin Manuela Marchegger kann nicht mehr arbeiten. Vor zwei Jahren ist sie an einem sogenannten Morbus Behcet erkrankt. Die Autoimmunerkrankung äussert sich in entzündeten Gelenken, Lungenproblemen, offenen Stellen im Mund, Magen und Darm, in blutigen Durchfällen, Erbrechen und Haarausfall. Zudem leidet die 33-Jährige unter einer sogenannten «springenden Hüfte»: Bei jedem Schritt kugelt ihre Hüfte aus. Claudia Khov, Hausärztin:

«Frau Marchegger hat eindeutig Anspruch auf IV-Rente.»

Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder ist seit über zwei Jahren bei der IV angemeldet. Ihr Erspartes ist mittlerweile aufgebraucht. Wann die IV über eine allfällige Rente entscheidet, weiss sie nicht. Das Sozialamt hat sie angewiesen, eine billigere Wohnung zu suchen. Sie hat zwar schliesslich eine gefunden, doch die liegt im 3. Stock. Ohne Lift. Marchegger muss an Krücken gehen. «Zum Glück habe ich Freunde, die mit mir einkaufen und die Taschen hochtragen.»

Für ihre behandelnde Ärztin, Claudia Khov, steht ausser Zweifel: «Frau Marchegger hat eindeutig Anspruch auf IV-Rente. Sie hat leider eine chronische Erkrankung und wird in den nächsten Jahren nicht arbeitsfähig sein.»

IV verschärft Praxis

Rein statistisch verschlechtern sich Marcheggers Chancen auf eine Rente. Im Jahr 2002 lehnte die IV nur ein Viertel aller Neuanträge ab. 2009 wies die Sozialversicherung bereits über die Hälfte der Rentengesuche zurück. Interne Zahlen des Bundesamtes für Sozialversicherungen zeigen: Unter dem enormen Spardruck hat die IV ihre Praxis massiv verschärft.

Im Juli 2008 meldete sich Marchegger bei der IV an. Ende August 2010 bot die Invalidenversicherung Manuela Marchegger zu einer medizinischen Begutachtung auf. Zwei Jahre nach der Anmeldung.

Den Vorwurf der langen Wartezeit lässt die IV-Stelle Aargau nicht gelten. Sie schreibt: «Wir setzen alles dran, jedes einzelne Dossier zügig voranzutreiben und Entscheide innert nachvollziehbaren Fristen für die betroffenen Menschen zu fällen. Zwei Jahre stellen in der täglichen Praxis bei einer komplexen Situation einen wirklichkeitsnahen Wert dar.» Andrea Mengis, Rechtsanwältin Procap:

«Es scheint mir unverständlich, dass es zwei Jahre bis zur medizinischen Begutachtung gedauert hat.»

Rechtsanwältin Andrea Mengis arbeitet für den Invalidenverband Procap. Sie macht häufig die Erfahrung, dass Menschen beim Warten auf einen Rentenbescheid in finanzielle Not geraten. «Im Fall von Frau Marchegger scheint es mir unverständlich, dass es zwei Jahre bis zur medizinischen Begutachtung gedauert hat», sagt Mengis.

Die Juristin betont: «Bei diesem komplexen Gesundheitszustand hätte die IV schon früh nach der Anmeldung feststellen können, dass eine Begutachtung nötig sein wird.» Die IV hätte diese von Anfang an in Auftrag geben sollen. Mengis versteht nicht, wieso die IV jeweils Schritt für Schritt vorgeht und nicht häufiger verschiedene Abklärungen gleichzeitig macht.

Zahlungen für Spitex verweigert

Mittlerweile stapeln sich bei Manuela Marchegger die Mahnungen und Zahlungserinnerungen. Aus formaljuristischen Gründen zahlt ihre Krankenkasse die Haushaltshilfe der Spitex nicht mehr. Marchegger erhielt zum ersten Mal in ihrem Leben einen Zahlungsbefehl.

Erst auf Intervention von «Kassensturz» übernahm die Aargauer Gemeinde Dintikon die offenen Spitex-Rechnungen als Vorschussleistung. Der mediale Druck zeigte auch bei der IV-Stelle Aargau Wirkung. Nur drei Wochen nach der medizinischen Begutachtung erhält die zweifache Mutter den Vorbescheid der IV. Sie bekommt eine ganze Rente. Zumindest für Manuela Marchegger hat das lange Warten nun ein Ende.

1 Kommentar

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  • Kommentar von roos walter, zürich
    45 arbeitsjahre, 35 erwerbsjahre, danach arbeitsinvalid, erstmal auf dem rav, dort hies es, schreiben sie sich krank i. S v mit diesen schäden nicht vermittelbar, ab auf da soz! für was zahlt man dann eigentlich alv? und die iv klärt schon 45 monate ab und immer noch keine verfügung, dafür wurde die dossiereinträge dauernd verfälscht (vermutlich um das verfahren in die länge zu ziehen); bis der klientel gestorben ist. was ist das für eine politik? in freiheit, demokratie und rechtsstaatlichkeit.
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