Versicherungen: Hart gegen ungeliebte Prämienzahler

mmer mehr Versicherungen fahren einen harten Kurs gegen ihre Versicherten. Wer zu viele Schäden anmeldet, gilt als schlechtes Risiko und fliegt raus. Besonders bitter: Wer aus einer Versicherung fliegt, findet - wenn überhaupt - nur mit grosser Mühe Unterschlupf bei einer neuen Versicherung.

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Versicherungen: Hart gegen ungeliebte Prämienzahler

17 min, aus Kassensturz vom 18.1.2005

In den letzten 18 Monaten hatte Peter Zbinden mit seinem Mercedes A-Klasse nichts als Pech: zweimal wurde das Auto im Parkhaus beschädigt, dann traf ihn unterwegs der Hagel und kurze Zeit später verschuldete er auch noch einen Unfall. Zum Glück ist das Auto vollkasko versichert. Die Versicherung zahlte zwar anstandslos, doch kurze Zeit später kündigte die Zürich die Vollkaskoversicherung. Einzig die Haftpflichtversicherung lässt der Versicherer weiterlaufen.

Schlechtes Risiko für die Versicherung

Peter Zbinden hat in den Augen der Versicherung zu viele Kosten verursacht. Er ist ein sogenannt schlechtes Risiko. "Mich ärgert, dass überhaupt nicht differenziert wird zwischen fahrlässig und nicht verschuldet", sagt Zbinden. Die Zürich Versicherung schreibt Kassensturz, sie müsse bei überdurschnittlichen Schadenbelastungen reagieren,

« "damit nicht alle Versicherten für die Schadenhäufigkeit einiger weniger Kunden höhere Prämien bezahlen müssen." »

Ob verschuldet oder nicht, wer zu viele Schäden meldet, wird für eine Versicherung zum schlechten Risiko. Solche Kunden müssen mit höheren Prämien oder gar mit der Kündigung rechnen. Für Professor Matthias Haller, Präsident des Instituts für Versicherungswirtschaft an der Universität St.Gallen, eine logiche Folge der harten Konkurrenz auf dem Versicherungsmarkt: "Als einzelner fühlt man sich betroffen, weil die Versicherung ist ja zum zahlen da. Auf der anderen Seite steht die Versicherung im Wettbewerb und ist gezwungen zu reagieren, sobald jemand mehrere Schadenfälle hat. Das werden wir in Zukunft noch verstärkt beobachten, denn der Druck auf die Versicherungen hat zugenommen."

Höhere Prämien beim ersten Schadenfall

 Jean-Claude Wawrzyniak war 12 Jahre bei derselben Hausratversicherung, der Secura, die später von der Generali übernommen wurde. Ein Einbruch vor einem Jahr war sein erster Schadenfall. Die Versicherung bezahlte zwar den Schaden von rund 4000 Franken sofort, doch dann kündigte sie die Hausratsversicherung. Behalten hätte die Generali ihren Kunden nur unter neuen Bedingungen, also höheren Prämien. Für Wawrzyniak hatte die Kündigung Folgen: "Ich habe versucht, eine neue Versicherung abzuschliessen, habe aber feststellen müssen, dass verschiedene Versicherungen sich distanzierten, als sie hörten, dass mir gekündigt worden war. Warum, wurde nicht gefragt", erzählt Wawrzyniak.

Schlechte Risiken, gute Risiken. Der Trend zur Risikoselektion trifft auch Betriebe wie die Spenglerei von Ernst Lutz. Da die meisten Versicherungen sogenannte risikogerechte Prämien verlangen, bezahlen Baubetriebe höhere Prämien. "Ich finde es nicht richtig, dass wir in der Baubranche mehr zahlen müssen. Das höhlt den Versicherungsgedanken und die Solidarität aus", sagt Spenglermeister Lutz.

Entsolidarisierung

Der Versicherungsexperte Ruedi Schläppi spricht offen von einer Entsolidarisierung: "Heute kann man feststellen, dass die Versicherer die Tendenz haben, die Risikogruppierungen immer mehr zu verkleinern. Man kombiniert die Jungen nicht mehr mit den Älteren, die Gesunden nicht mehr mit den Kranken, man nimmt sogar Berufsgruppen auseinander, sodass man den Audgleich zwischen den Berufsgruppen nicht mehr hat.

Besonders hart wird es für Kleinbetriebe wie die Spenglerei von Ernst Lutz, wenn ein Mitarbeiter ausfällt: Vor zwei Jahren wurde ein Angesteller von Lutz schwer krank. Die Versicherung übernahm zwar den Lohnausfall, aber die Prämien stiegen für den ganzen Betrieb massiv. Auch das nennt die Versicherung risikogerecht. "Letztlich führt dies dazu, dass man ältere Leute nicht mehr im Betrieb haben will, weil die Prämien und das Risiko durch Krankheiten viel höher sind als bei jungen Leuten", bedauert Lutz.