Dachsanierungen: Reingelegt statt abgedichtet

Es läutet an der Haustüre und ein Dachdecker schlägt dem Hauseigentümer eine dringend nötige Dachversiegelung vor. Viele lassen sich überreden und zahlen Tausende Franken. «Kassensturz» zeigt: Die Methode ist unsinnig, hinter den selbst ernannten Dachdeckern stecken dubiose Gestalten.

Video «Dachsanierungen: Reingelegt statt abgedichtet» abspielen

Dachsanierungen: Reingelegt statt abgedichtet

7:16 min, aus Kassensturz vom 15.6.2010

Martha Kobler aus Basel hat schlechte Erfahrungen mit drei jungen deutschen Dachdeckern gemacht, die im August 2009 unverhofft an ihrer Türe läuteten: Ein gewisser C.L. und zwei Kollegen drängten Kobler ihre Dienste auf. Die Rentnerin berichtet: «Zuerst sagten sie, sie würden den Dachabfluss reinigen. Nachher, sie müssten die Ziegel befestigen auf dem Dach. Und dann sagten sie, sie würden gleich das ganze Dach streichen und es abspritzen, dann sei es ganz sauber, wie neu und sie könne sich eine Renovierung sparen, das Dach halte wieder manches Jahr.»

Unnützer Anstrich

Martha Kobler liess sich zu einer 9000 Franken teuren Dachbeschichtung überreden. Der Anstrich mit Acrylfarbe schien ihr fürs erste ordentlich gemacht zu sein. Doch die Verschmutzungen, welche die jungen Männer hinterliessen, ärgerte Martha Kobler. Darum liess sie den Dach-Experten Urs Spuler kommen. Der Baugutachter für Gebäudehüllen entdeckte neben der Verschmutzung weitere Mängel: «Die Ziegel auf Martha Koblers Dach haben ihr Alter erreicht. Sie haben Mühe mit der Frostbeständigkeit. Solche Frostschäden nehmen mit dem Alter immer mehr zu. Auf einem überalterten Ziegel haftet die Farbe nicht mehr», sagt Urs Spuhler

Ein solcher Anstrich ist laut Urs Spuler unnütz. Die Acrylfarbe verlängere die Lebensdauer von Tonziegeln in keiner Weise. Die Methode sei eine rein optische Aufbesserung. Und im Fall von Martha Kobler sei der Preis für die geleistete Arbeit massiv überrissen.

Gespräch verweigert

Ähnlich erging es Max Oechslin aus Birmenstorf AG. Er liess sich nach einem Messebesuch von der Firma BJK Dachsanierungen das Ziegeldach streichen. Der Geschäftsführer Felix Meinhard versprach Oechslin eine Garantie von zehn Jahren. Doch nach einem Jahr schon blätterte die Farbe wieder ab. Neben Max Oechslin gingen mehrere Hausbesitzer Felix Meinhard auf den Leim. Auch Felix Meinhard tauchte ab und war nicht mehr erreichbar. Max Oechslin fand heraus: Die Firma BJK gibt es tatsächlich in Schindellegi SZ, hat aber mit Dachbeschichtungen überhaupt nichts zu tun. Meinhard missbrauchte den Namen und die Adresse der Firma BJK.

«Kassensturz» machte sich auf die Suche nach Felix Meinhard. An einer seiner früheren Geschäftsadressen überquoll der Briefkasten mit Post, die an Felix Meinhard adressiert war – auch vom Steueramt. Nach mehreren Versuchen spürte der «Kassensturz»-Reporter Felix Meinhard an seiner Wohnadresse auf. Doch Meinhard wollte mit den Dachbeschichtungen nichts mehr zu tun haben und verweigerte jedes Gespräch.

Lange Schuldenliste

Die Leute, denen Felix Meinhard Geld schuldet, hoffen vergeblich. Ein Blick ins Betreibungsregister zeigt: Felix Meinhard hat Schulden in der Höhe von 1,4 Millionen Franken. Das Geld für die Dachanstriche hat er sich jeweils im Voraus bar auszahlen lassen.

Auch C.L. und seine Kumpels liessen sich das Geld von Martha Kobler bar auf die Hand auszahlen. Seitdem waren sie für die Rentnerin nicht mehr erreichbar. Erst eine Meldung der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt brachte Klarheit: C.L. und seine Kumpels wurden in flagranti geschnappt und sitzen seit Januar 2010 im Basler Untersuchungsgefängnis. Der Vorwurf: Wucher und Betrug in sieben Fällen. Das bezahlte Geld ist verloren.

Identität überprüfen

Markus Melzl, Mediensprecher der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt, warnt vor solch angeblichen Handwerkern und ihren üblen Tricks. «Wenn man die Leute nicht kennt, die einem ihre Dienste anbieten, tut man gut daran, den Namen der Firma schnell im Telefonbuch zu suchen, um zu sehen, ob sie auch einen regulären Sitz hat oder den entsprechenden Branchenverband anzurufen», rät der Kriminalkommissär. Zudem: Auf einer sauberen Rechnung ist auch die Mehrwertsteuer korrekt angegeben.

Nachtrag vom 22.01.2015:

C.L. wurde im Jahr 2010 vom Strafgericht Basel-Stadt unter anderem wegen gewerbsmässigen Betrugs verurteilt.