Willkommen im Raumgefühl Ihrer neuen Wohneinheit!

Was eine richtige Überbauung ist, wird in einer sogenannten Baureportage beschrieben und beworben. Da können Fassaden plötzlich «eine reichhaltige Schatulle an Gestaltungsraum öffnen» und Schiebetüren «vielfältige Sichtbezüge herstellen».

Die Bauarbeiter packen ihr Werkzeug zusammen, die ersten Bewohner packen ihre Umzugskisten: Das ist die Stunde der Baureportage in der Regionalzeitung. Auf einer oder mehreren Seiten sagen die Bauunternehmen via Inserat: «Wir danken der Bauherrschaft für den geschätzten Auftrag.» Und die Überbauung wird in Wort und Bild vorgestellt. Zum Glück auch in Bild!

Denn die Texte, die sich wohl an interessierte Käufer, Mieter und Architekten richten, irritieren oft. «Espresso», das Konsumentenmagazin von Radio SRF 1, hat merk- und denkwürdige Sätze aus Baureportagen gesammelt.

«Während die Fassaden der beiden Häuser gegen aussen hart und schroff erscheinen, öffnen sie gegen innen mit ihren tief sitzenden Loggien und der an einen aufgebrochenen Stein erinnernden Volumetrie eine reichhaltige Schatulle an Gestaltungsraum und Begegnungszonen.»

Die Volumetrie (Mass-Analyse) erinnert an einen aufgebrochenen Stein? Fassaden öffnen eine reichhaltige Schatulle an Gestaltungsraum? Da lohnt es sich, die reichhaltige Schatulle der Baureportagen genauer anzuschauen! Oder vielleicht passender: einen Sichtbezug herzustellen.

«Raumhohe Schiebetüren im Innern unterstützen das Raumgefühl der Grosszügigkeit und Offenheit und ermöglichen es, neben unterschiedlichen Raum- und Nutzungssituationen vielfältige Sichtbezüge herzustellen.»

Gleich noch ein Satz mit Sichtbezug-Bezug:

«Alle Wohnungen sind mit grossen Fenstern ausgestattet, die gezielt die attraktive Aussicht in die Landschaft einrahmen.»

Dazu eine Frage. Wenn die Fenster die Aussicht so gezielt einrahmen: Darf man sich beim Blick nach draussen noch bewegen in der Wohnung – oder besser: in der Wohneinheit?

«Jede Wohneinheit bietet viel Raum, doch das Gesamtgebäude strahlt in harmonischen Massen und wirkt sowohl natürlich als auch an diesem Platz ganz selbstverständlich.»

Bei einem Haus (oder dann eben Gesamtgebäude), das natürlich wirkt, denken wir an eine Strohütte. Aber darum geht es hier nicht, ganz selbstverständlich. Wobei: Selbstverständlich ist offenbar gar nichts mehr. Nicht einmal, dass man in einer Dusche stehen kann. Da wird nämlich speziell erwähnt:

«Grosses Badezimmer mit begehbarer Dusche.»

Da kann man sich glücklich schätzen, als Käufer einer Wohnung, die sowieso «grosszügig» und «individuell» ist. Oder als Mieter einer Wohnung, die selbstverständlich im «Eigentumswohnungs-Standard» und damit «hochwertig» ausgebaut ist.

Dankbar ist man sicher auch für den Schutz vor Bränden. Und das nicht einmal aus Sorge um die eigene Sicherheit, nein, aber Brände sind scheinbar verboten!

«Zur Verhinderung einer unzulässigen Brandausbreitung über die brennbare Fassadenbekleidung sind umlaufende horizontale Schürzen und vertikale Unterbrechungen eingebaut.»

Noch kurz ein Abstecher in die Tiefgarage…

«Die Verbindung zur Tiefgarage erfolgt über benutzerfreundliche Freiräume.»

«Tiefgarage und Parkplätze vorhanden» wäre knapp und klar, in einer anständigen Baustellenreportage heisst das aber:

«Im Hinblick auf die Bedeutung des Autos für die künftigen Hausbewohnerinnen und –bewohner wurden entsprechende Parkmöglichkeiten erstellt.»