Viel Quecksilber in Meeres-Speisefischen

Quecksilber wirkt im Körper wie Nervengift und ist auch in kleinsten Mengen gefährlich. Ein «Kassensturz»-Test zeigt: Jeder fünfte Thun-, Schwert- oder Haifisch enthält zu viel hochgiftiges Methylquecksilber. Die Behörden verlangen jetzt von den Fischimporteuren mehr und schärfere Kontrollen.

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Quecksilber im Fisch: Unterschätzte Gefahr

13 min, vom 31.8.2004

Schweizerinnen und Schweizer essen gerne Fisch. Weit über 40'000 Tonnen werden jährlich in die Schweiz importiert. «Heute sind die Fische viel frischer», sagt Ernst Ruch, Wirt des Sala of Tokyo in Zürich.

Der Sushi-Boom der letzten Jahre hat die Qualität der Fische verbessert. Vor verdorbenem Fisch muss sich heute fast niemand mehr fürchten. Gravierender ist ein anderes Problem: Fische sind häufig mit hochgiftigem Quecksilber belastet.

Quecksilber wirkt im Körper wie Nervengift und ist - auch in kleinsten Mengen - vor allem für Schwangere und Kleinkinder hochgefährlich. Quecksilber ist das einzige Metall, das in Zimmertemperatur flüssig ist. In dieser Form ist es nicht besonders giftig.

Gefährlich sind jedoch Quecksilberdämpfe, die über die Atmosphäre ins Wasser und somit in die Nahrungskette gelangen. Fische nehmen das Metall auf und speichern es. Besonders belastet sind deshalb grosse Raubfische wie Schwertfisch, Thunfisch und Haifisch am Ende der Nahrungskette.

«Quecksilber gehört nicht in ein Lebensmittel», sagt Grenztierarzt Peter Düggelin. Auch ihm macht das giftige Methylquecksilber Sorgen. Überschreitet ein Fisch den erlaubten Grenzwert, wird der Importeur sofort gesperrt.

Doch solche Grenzwert-Überschreitungen nachzuweisen ist aufwändig - mehr als Stichproben sind laut Düggelin nicht möglich: «Bei Schwermetall muss man immer eine Probe ins Labor einschicken. Und mit einem vernünftigen Aufwand ist die totale Sicherheit nicht möglich», sagt Düggeli.

Methylquecksilber ist so giftig, dass der Grenzwert bei 1000 Mikrogramm pro Kilogramm - einem tausendstel Gramm - liegt. Kassensturz wollte wissen, wie stark die in der Schweiz verkauften Raubfische belastet sind und nahm 30 Proben von Thun-, Hai- und Schwertfisch.

Das Kantonale Labor Basel untersuchte die Proben und kam zu einem erschreckenden Resultat: In allen Proben fand das Labor Quecksilber:

  • In 15 Proben lag der Wert unter 500 Mikrogramm pro Kilogramm.
  • In 9 Proben fand das Labor hohe Werte zwischen 500 und 1000 Mikrogramm pro Kilogramm.
  • Und jeder fünfte Fisch überschritt den Grenzwert: 6 Proben hatten eine Quecksilberkonzentration von über 1000 Mikrogramm pro Kilogramm und hätten niemals in den Verkauf gelangen dürfen: «Diese Beanstandungsquote ist viel zu hoch», sagt Niklaus Jäggi, der Chef des Kantonalen Labors Basel-Land und verlangt von den Fischimporteuren, dass sie «ihre gesetzliche Verantwortung wahrnehmen und durch eigene Analysen sicherstellen, dass ihre Ware gesetzeskonform ist.»

Klar über dem Grenzwert lagen das Haifischsteak von Dörig und das Schwertfischsteak von Römer auf dem Zürcher Bürkliplatzmarkt. Beide Firmen nahmen die Produkte aus dem Verkauf.

Mit 1322 Mikrogramm ebenfalls über dem Grenzwert war das Schwertfischsteak von der Migros. «Wir sind uns der Problematik bewusst. Wir haben uns entschieden, dass wir diesen Fisch aus dem Sortiment nehmen und nicht mehr verkaufen», sagt Urs Peter Naef von der Migros.

Massive Grenzwertüberschreitung gab es bei den geräucherten Thunfischfilets von Jelmoli (1440 Mikrogramm). Auch Jelmoli hat das Produkt sofort aus dem Verkauf genommen. Mehr als doppelt so viel Quecksilber wie gesetzlich erlaubt hatte das Haifischsteak von Carrefour: 2062 Mikrogramm pro Kilogramm. Carrefour hat den Verkauf der Haifischsteaks gestoppt.

Den höchsten Wert (2261 Mikrogramm) fand das Labor im Schwertfischsteak von Coop. «Das Resultat überrascht uns. Aber wir haben beschlossen, unsere Probeerhebungen noch einmal zu verstärken», sagt Coop-Pressesprecher Karl Weisskopf.

Die gesundheitlichen Risiken von Quecksilber wurden bis heute klar unterschätzt. Das wiesen letztes Jahr Experten der WHO in einer Studie nach. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit halbierte daraufhin die Sicherheitsgrenzwerte für die Quecksilberaufnahme: Neu darf eine Person von 60 Kilogramm bloss 100 Gramm eines übermässig belasteten Fisches essen.

Wer gerne Thun-, Hai- oder Schwertfisch isst, sollte demnach seinen Konsum begrenzen. Das Bundesamt für Gesundheit BAG hat jetzt eine Arbeitsgruppe eingesetzt: «Fisch essen ist gesund. Quecksilber ist ungesund. Dies zu bewerten und die Konsumenten aufzuklären, ist unser Auftrag», sagt Michael Beer vom BAG. Bis Ende Jahr will das BAG verbindliche Empfehlungen zum Fischkonsum veröffentlichen.