Das Jugoslawien-Tribunal - ein Blick zurück

  • Freitag, 5. Januar 2018, 9:02 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Freitag, 5. Januar 2018, 9:02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Freitag, 5. Januar 2018, 18:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Ende Jahr hat das Jugoslawien-Tribunal in Den Haag seine Türen definitiv geschlossen - mit einer erfolgreichen Bilanz: Die Hauptverantwortlichen sitzen in Haft, von den 161 Angeklagten befindet sich kein einziger mehr auf der Flucht.

Der Völkermord von Srebrenica, die ethnischen Säuberungen in den bosnischen Dörfern oder die Beschiessung der Stadt Sarajevo: In den letzten 24 Jahren ging es im Gerichtssaal am Jugoslawien-Tribunal in Den Haag um die Schuldigen für diese und andere schwere Verbrechen.

Eine intensive, anspruchsvolle Arbeit liegt hinter dem Tribunal - für die Dolmetscherin in ihrer Kabine, die Tag für Tag die Aussagen von vergewaltigten Frauen übersetzen musste. Auch für die Verteidiger, die, wie Colleen Rohan, in den letzten 12 Jahren mehrere Tribunal-Angeklagte vertreten haben, und für die Richter war es eine wichtige Zeit.

Beiträge

  • Der Prozess gegn Ratko Mladic braucht viel Übersetzung.

    Ohne Dolmetscher geht gar nichts

    Vor dem Krieg wurde in Jugoslawien das für alle Ethnien verständliche Serbokroatisch gesprochen. Am Tribunal wollten einige Angeklagte diese Sprache nicht mehr verstehen.

    Maja Ruzi, die Leiterin vom Übersetzungs- und Dolmetscherservice, hat das Problem mit ihrem Team elegant gelöst: Seit Jahren wird in Den Haag konsequent von «BCS» gesprochen.

    Dank dieser Abkürzung für Bosnian/Croatian/Serbian fühlten sich alle angesprochen. Ohne Verständigung und Übersetzung der Beweisstücke und ohne Simultandolmetscherin einer Zeugin hätte am Jugoslawien-Tribunal kein einziger Prozess geführt werden können.

    Elsbeth Gugger

  • Ein Anwalt vor den Medien während der Jugoslawien Tribunals.

    Die Welt der Verteidigung

    Ein Angeklagter gilt als Unschuldig bis das Gegenteil bewiesen ist. Für ein nationales Gericht ist dies die normalste Sache der Welt. Wesentlich schwieriger war es, diesen Grundsatz beim Jugoslawien-Tribunal aufrecht zu erhalten.

    Dank der breiten Medienberichterstattung über die vielen verübten Verbrechen galten Karadzic und Mladic längst als hauptschuldig. Eine solche Vorverurteilung bedeute für die Verteidigung einen harten, mühseligen Kampf, sagt die Anwältin Colleen Rohan. Die Amerikanerin vertrat mehrere Tribunal-Angeklagte und gehörte zum Standby-Team im Karadzic-Prozess.

    Elsbeth Gugger

  • Christoph Flügge am ICTY Den Haag.

    Die Prozesse waren nicht besonders lang

    Christoph Flügge war einer der drei Richter, die den ehemaligen bosnischen Serbengeneral Ratko Mladic zu einer lebenslänglichen Strafe verurteilt haben.

    Der deutsche Jurist erzählt, wie er sich nach 530 Prozesstagen 600 Zeugenaussagen und 10'000 Beweisstücken mit seinen beiden Richter-Kollegen auf dieses Urteil einigen konnte. Dabei entkräftet er den ewigen Vorwurf, die Verfahren am Jugoslawien-Tribunal hätten zu lange gedauert: «Die Prozesse sind nicht lang, der Krieg war lang».

    Elsbeth Gugger

  • Stefan Trachsel.

    Was die Rechtswissenschaft gelernt hat

    Für die Rechtswissenschaft war das Jugoslawien-Tribunal über weite Strecken Neuland. Der Schweizer Strafrechtler Stefan Trachsel, langjähriger Professor an der Universität St.

    Gallen, lange Jahre auch Präsident der EMRK in Strassbourg und Mitglied zahlreicher Uno-Untersuchungskommissionen, ebenfalls Richter am Jugoslawien Tribunal, erklärt, wie das Recht vom Tribunal profitiert hat.

    Christoph Keller

Autor/in: Elsbeth Gugger, Christoph Keller, Moderation: Brigitte Häring, Redaktion: Sabine Bitter