Die Bibel neu gelesen - als Tagebuch der Evolutionsgeschichte

  • Freitag, 11. November 2016, 9:02 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Freitag, 11. November 2016, 9:02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Freitag, 11. November 2016, 18:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Adam und Eva müssen das Paradies verlassen und fortan in Angesicht ihres Schweisses schuften: evolutionsbiologisch hat vergleichbares stattgefunden, als die ersten Menschen, Jäger und Sammler, anfingen, Ackerbau zu betreiben. Eine dramatische Wende für die Menschheit - in der Bibel dokumentiert.

Kann man die Bibel, das am besten erforschte Buch der Bücher, neu lesen? Ja, meinen der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Kulturhistoriker Kai Michel. Denn die Bibel dokumentiert eines der dramatischsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte: den Uebergang von Jägern und Sammlern zu sesshaften Ackerbauern. Ein folgenreicher Schritt, denn die Sesshaftigkeit schafft ganz neue Voraussetzungen, für die Jäger und Sammler biologisch nicht disponiert sind: Besitz - Gewalt - neue Krankheiten - soziale Ungleichheit.

Die Menscheitsgeschichte in der Bibel beginnt mit der Vertreibung aus dem Paradies, es folgt der erste Brudermord: evolutionsbiologisch betrachtet erhalten diese zuweilen unerklärlichen Geschichten plötzlich einen nachvollziehbaren Sinn.

Buchhinweis:
Carel van Schaik & Kai Michel: Das Tagebuch der Menschheit - Was die Bibel über unsere Evolution verrät. Rowohlt 2016

Beiträge

  • Mit dem Ackerbau wurde neues Werkzeug nötig, so zum Beispiel der Mühlestein.

    Als die Menscheit sesshaft wurde

    10'000 Jahre vor unserer Zeitrechnung fingen die Menschen an, Ackerbau zu treiben und sesshaft zu werden. Ein dramatischer Uebergang in eine neue Daseinsform, die zwar ein Bevölkerungswachstum auslöste, aber auch sehr viele Probleme mit sich brachte.

    Während rund tausend Jahren hat die Bibel sich dieser Probleme angenommen und sie in ihren Geschichten verarbeitet. Sie mögen für heutige Ohren zuweilen bizarr klingen: aus evolutionshistorischer Sicht machen sie Sinn.

    Maya Brändli

  • Die Bibel stütz die Evolution, findet Carel van Schaik und Kai Michel.

    Die Bibel als Quelle für Evolutionsgeschichte

    Warum ist die Welt, wie sie ist? Urmenschliche Fragen, die umso dringender wurden, als die sesshaften Ackerbauern feststellen mussten, dass sie durch ihre neue Lebensweise extrem verletzlich geworden sind.

    Hunger, Krieg, Katastrophen machten ihnen das Leben schwer. Woher kommt dieses Leid? Die Erfindung von Gott half, löste aber die Probleme nicht. Im Gegenteil, denn Gott war zornig, ungerecht - was neue Fragen aufwarf.

    In der Bibel - so die These der beiden Autoren Carel van Schaik und Kai Michel - kann man nachvollziehen, wie die Religion als Schutzschild gegen das Leid entwickelt wurde.

    Maya Brändli

  • Cranachbibel mit Darstellung der religiösen Schöpfungungsgeschichte.

    Gibt es eine unentdeckte Bibel?

    Das Echo der Theologen und Theologinnen auf das Buch von Carel van Schaik und Kai Michel ist überwiegend positiv. Sie sehen bestätigt, was die wissenschaftliche Theologie seit Jahrhunderten erforscht und gesagt hat.

    So fühlt auch der Bibelwissenschaftler Konrad Schmid von der Universität Zürich etwa sein Bibelverständnis adäquat gespiegelt. Natürlich ist die Bibel ein Zeugnis der Menschheitsgeschichte und Kulturbildung, erklärt SRF-Religionsfachredaktorin Judith Wipfler in Kontext. Nur: sind die beiden Autoren wirklich die Ersten, die das erkannt haben?

    Judith Wipfler

Autor/in: Maya Brändli, Judith Wipfler, Moderation: Bernard Senn, Redaktion: Noemi Gradwohl