Die Wolgadeutschen zwischen Aufbruch und Vertreibung

  • Mittwoch, 24. Juni 2020, 9:02 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Mittwoch, 24. Juni 2020, 9:02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Mittwoch, 24. Juni 2020, 18:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Vor Jahrhunderten nach Russland ausgewandert, später von Stalin deportiert und nach der Wende in den Westen zurückgekehrt – die Geschichte der Wolgadeutschen ist voll von dramatischen Brüchen. «Kontext» beleuchtet ein vergessenes Kapitel der neueren Historie aus verschiedenen Perspektiven.

Die Geschichte der Wolgadeutschen reicht ins 18. Jahrhundert zurück: Auf Einladung von Zarin Katharina der Grossen liessen sich zehntausende deutsche Siedler in Russland nieder. Ein Teil davon am unteren Lauf der Wolga: die Wolgadeutschen.

Sie waren Bauern und Handwerker und pflegten in Nachbarschaft zu slavischen Völkern weiterhin ihre angestammte Sprache und Kultur. Nach der Revolution 1917 erklärten die Bolschewiki das Gebiet zur autonomen sozialistischen Wolgarepublik.

1941 war damit Schluss: Stalin liess die 400'000 Wolgadeutschen nach Sibirien und in die zentralasiatischen Teilrepubliken deportieren und zerstörte die jahrhundertealte Kultur. Er bezichtigte die deutschstämmige Minderheit der angeblichen Kooperation mit Hitler.

Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion übersiedelten mehr als zwei Millionen Russlanddeutsche nach Deutschland. Einige Dutzend leben heute auch in der Schweiz.

Beiträge

  • «Am schlimmsten ist, dass die Geschichte vergessen geht.»

    Die 40-jährige Sozialpädagogin Irma Dill aus Zürich hat wolgadeutsche Wurzeln. Dills Vorfahren lebten in der Wolgarepublik an der unteren Wolga. Ihre Grosseltern wurden von Stalin vertrieben.

    Wie andere Wolgadeutsche mussten sie in «Arbeitsbrigaden» schuften. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Übersiedlung nach Deutschland lebte die Familie in Turkmenistan, wo Irma Dills Mutter und auch sie selbst zur Welt kamen.

    Felix Münger

  • Eine Geschichte von Hoffnung und Niedergang

    Die Wolgadeutschen waren immer wieder der sich ändernden politischen Grosswetterlage ausgesetzt. Davon erzählt Nada Boškovska, Professorin für osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich.

    Die Anfänge als deutsche Einwanderer im zaristischen Russland des 18. Jhs. waren hoffnungsvoll. Aufbruchstimmung herrschte, als die Wolgadeutschen im Sowjetstaat eine eigene Teilrepublik erhielten.

    Mit der Deportation unter Stalin wendete sich das Blatt. Die Deutschstämmigen wurden zu Staatsfeinden und zum Ziel von Verfolgung und Repression. Die russlanddeutsche Kultur wurde weitgehend zerstört.

    Felix Münger

  • Ein Monumentalroman der Wolgadeutschen

    Der Wolgadeutsche Autor Gerhard Sawatzky verfasste in den 1930er Jahren den umfangreichen Gesellschaftsroman «Wir selbst» über das Leben in der Wolgadeutschen Republik nach der Revolution. Die Partei verbot den Druck und ermordete den Autor im Gulag.

    Der in Giessen lehrende Literaturprofessor Carsten Gansel hat das verschollene Urmanuskript des sagenumwobenen Romans wieder aufgespürt und erstmals herausgegeben.

    Buchhinweis: Gerhard Sawatzky: Wir selbst. Herausgegeben von Carsten Gansel. Galiani 2020.

    Felix Münger

Autor/in: Felix Münger, Moderation: Monika Schärer, Redaktion: Michael Sennhauser