Fluchtgut, NS-Raubkunst und die grosse Frage nach der Restitution

  • Freitag, 18. September 2015, 9:02 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Freitag, 18. September 2015, 9:02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Freitag, 18. September 2015, 18:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Der Schweizer Kunstmarkt erlebte in den 30er-Jahren einen Boom. Einer der Gründe: Flüchtlinge des NS-Regimes verkauften ihre Kunstwerke in der Schweiz. Der Bergier-Bericht prägte für solche Verkäufe 2001 den Begriff «Fluchtgut», um sie von den geraubten Werken der NS-Raubkunst abzusetzen.

Doch konnten die Flüchtlinge in der Schweiz tatsächlich autonom über Verkäufe entscheiden? Waren Sie nicht gezwungen zu fast jedem Preis zu verkaufen? Und müssten dann nicht auch Verkäufe in der sicheren Schweiz restituierbar sein?

Diese Fragen prägen eine Debatte, die Schweizer Museumsleute, Kunsthändler, Anwälte und Provenienzforscherinnen derzeit führen. In Kontext sind sie zu Gast.

Beiträge

  • Der Raubkunstfall «Frau in Gold» wurde prominent verfilmt.

    Wie der Begriff «Fluchtgut» entstand

    Esther Tisa-Francini ist eine der Erfinderinnen des Begriffs «Fluchtgut». Mit Anja Heuss und Georg Kreis führte sie den Terminus im Bergier-Bericht ein. Das war vor 15 Jahren.

    Warum es «Fluchtgut» als Gegenpol zu «Raubkunst» noch immer braucht, darüber spricht die heutige Provenienzforscherin am Museum Rietberg.

    Karin Salm

  • Dieses «Fluchtgut»-Bild aus der Sammlung Durieux bleibt im Kunsthaus.

    Warum «Fluchtgut» nicht zu restituieren ist

    Der Kunsthändler Walter Feilchenfeldt gilt als Doyen der Schweizer Galeristenszene. Bereits sein Vater war als Kunsthändler in der Schweiz tätig und fädelte ab 1939 viele Verkäufe von Flüchtlingen in der sicheren Schweiz ein.

    Diese Fluchtgut-Verkäufe seines Vaters verteidigte Walter Feilchenfeldt junior vehement an einer Winterthurer Fachtagung.

    Karin Salm

  • Die Museen und die jüdischen Erben haben oft unterschiedliche Interessen.

    Unter Juristen: Was taugt der Begriff «Fluchtgut»?

    Die Anwälte Olaf Ossmann und Alexander Jolles bearbeiten aus gegensätzlicher Perspektive Restitutionsfälle: Ossmann vertritt die Erben jüdischer Sammler, Jolles heutige Besitzer und Museen.

    In Kontext diskutieren die Rechtsanwälte darüber, unter welchen Umständen Verkäufe in der Schweiz zu restituieren sind, und unterziehen den Begriff «Fluchtgut» einer juristischen Analyse.

    Ellinor Landmann

  • Kunsthalle Hamburg hat das Aquarell «Walchensee» an die Erben von Curt Glaser restituiert.

    Unter Juristen: Welche Fluchtgut-Fälle prägen die Praxis?

    Im zweiten Teil der Diskussion gewähren die beiden Anwälte Olaf Ossmann und Alexander Jolles Einblick in ihre Praxis.

    Ossmann vertritt die Erben jüdischer Sammler, Jolles heutige Besitzer und Museen. Welche Fluchtgut-Fälle haben sie bearbeitet? Und wie haben Sie aus unterschiedlicher Perspektive argumentiert?

    Ellinor Landmann

  • Isabelle Chassot: Die Schweizer Unterteilung in in Raubkunst und Fluchtgut sei zu abstrakt.

    Raubkunst – Fluchtgut: das ist zu abstrakt

    Nur die Schweiz kennt die feinsäuberliche Unterteilung in Raubkunst und Fluchtgut. 

    Nun sagt die Direktorin des Bundesamtes für Kultur, Isabelle Chassot, erstmals, dass dieses Begriffspaar zu abstrakt sei. Die deutsche Bezeichnung «NS-verfolgungsbedingte Verluste» sei viel präziser.

    Karin Salm

Autor/in: Karin Salm und Ellinor Landmann, Moderation: Eric Facon, Redaktion: Noëmi Gradwohl