Mattmark 1965: Als der Gletscher den Tod brachte

  • Freitag, 28. August 2015, 9:02 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Freitag, 28. August 2015, 9:02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Freitag, 28. August 2015, 18:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Am 30. August 1965 riss eine gigantische Eislawine 88 Menschen in den Tod, die auf der Baustelle des Mattmark-Staudamms im Kanton Wallis beschäftigt waren. Kein anderer Bauunfall forderte in der Schweiz im 20. Jahrhundert so viele Opfer.

«Kontext» geht der Frage nach, was damals genau geschah, wie Mattmark-Arbeiter das Unglück erlebten und wie die Katastrophe, die weit über die Schweiz hinaus hohe Wellen schlug, beurteilt wurde. Dabei stellt sich auch die Frage: Wäre der Eisabbruch vorhersehbar gewesen?


Buchhinweis:
Toni Ricciardi, Sandro Cattacin, Rémi Baudouï: Mattmark, 30. August 1965, Die Katastrophe.
Seimso Verlag 2015, ISBN 978-3-03777-161-7

Beiträge

  • Die Lawine forderte 88 Opfer: Rettungskräfte bergen die Verunglückten.

    Die Katastrophe: «Es war wie Krieg.»

    Der oberhalb der Baustelle gelegene Allalingletscher brach ab und begrub das in der Falllinie gelegene Barackendorf unter einer dicken Schicht Eis und Geröll. 86 Männer und zwei Frauen fanden den Tod. Augenzeugen schildern den Hergang der furchtbaren Katastrophe.

    Felix Münger

  • Gastarbeiter suchen nach dem Unglück nach Überresten ihres Hab und Guts.

    «Schlafbaracken und Essräume – alles weg. Da war nichts mehr.»

    Armando Lovatel (68) aus der italienischen Kleinstadt Belluno kam mit sechzehn Jahren auf die Baustelle in Mattmark. Er arbeitete als Handlanger und fettete die Motoren der Baumaschinen. Er sei dankbar gewesen für die Arbeit in Mattmark.

    Mit dem Lohn habe er in Italien die Schulden seines Vaters bezahlen können.

    Sabine Bitter

  • Die Katastrophe von Mattmark zerstörte auch den Glauben an die Technik.

    Ein Dämpfer inmitten der Hochkonjunktur

    Durch die Katastrophe wurde die in der Hochkonjunktur vorherrschende Technikgläubigkeit stark gedämpft.Das Unglück erschien als umso beklemmender, als die aus Italien eingewanderten Arbeitskräfte am meisten Tote zu beklagen hatten: Sie wurden damals mehr und mehr zum Ziel der Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz.

  • War trägt die Verantwortung? Pressefotografen während dem Prozess in Visp 1972.

    «Man sah, dass der Gletscher in Bewegung war.»

    Giancarlo Cicciarello (79), aus Belluno im Veneto stammend, arbeitete in Mattmark als Bauführer. Nur durch Zufall entkam er der Katastrophe. Es wäre eine gute Sache, sagt er heute, wenn man erfahren würde, wer für dieses Unglück die Verantwortung trägt.

    Sabine Bitter

  • Wurden in Mattmark Tote in Kauf genommen? Demo in Genf gegen das Gerichtsurteil.

    Vermeidbar oder nicht?

    Im Nachgang zur Katastrophe sprachen Gerichte die Bauleitung von jeder Schuld frei: Der Gletscherniedergang sei nicht vorhersehbar gewesen.

    Eine neue Studie beurteilt dies differenzierter: Warnungen seien ignoriert worden, weil man zur damaligen Zeit der Sicherheit der Arbeitskräfte kaum Beachtung geschenkt habe.

    Felix Münger

Autor/in: Felix Münger und Sabine Bitter, Moderation: Hansjörg Schultz, Redaktion: Dania Sulzer