Paul Lewis spielt Schubert, Brendel kommentiert

Der britische Pianist Paul Lewis komplettiert in dieser Konzertsaison seinen Schubert-Zyklus. Er spielt die letzten drei Klaviersonaten des Komponisten.

Künstlerische Anregung auf dem Weg zur Meisterschaft: Bei Alfred Brendel (links) hat Paul Lewis sich oft musikalischen Rat geholt.
Bildlegende: Künstlerische Anregung auf dem Weg zur Meisterschaft: Bei Alfred Brendel (links) hat Paul Lewis sich oft musikalischen Rat geholt. Phillips/B.Ealovega, paullewispiano.co.uk

Ein anspruchsvolles Programm, nicht nur für Paul Lewis, sondern auch für die Zuhörenden, folgen darin doch drei gewichtige und tiefschürfende Meisterwerke unmittelbar aufeinander. Sie gehören allerdings auch zu den schönsten und vielschichtigsten Stücken von Franz Schubert.

Dazu gibt es ein besonderes Highlight: Lewis ehemaliger Lehrer Alfred Brendel hält einen einführenden Vortrag und spielt auch selbst einige Stellen aus den Sonaten

Eine Aufnahme vom 23. November 2012 aus dem KKL Luzern.

Die ich rief, die Geister

Das Lucerne Festival arrangiert ein Konzert des britischen Pianisten Paul Lewis mit Alfred Brendel. Segen und Fluch des Marketings: Lewis hat sich längst aus dem Schatten des «Meisters» Brendel herausgespielt. Holt dieser Schatten ihn nun wieder ein?

Paul Lewis hat erst im Alter von 12 Jahren Klavier zu spielen begonnen. Mit 15 geht er zum Studium in eine Talentschmiede für junge Musiker in Manchester und später weiter an die renommierte Guildhall Shool in London. Dort spielt er an einem Meisterkurs Alfred Brendel vor.

Die beiden verstehen sich gut, und ab 1993 nimmt Lewis alle paar Monate Unterricht bei ihm. In den sieben folgenden Jahren kann er nicht nur von den Hinweisen zur Interpretation profitieren, sondern auch hautnah erleben und mitverfolgen, wie Alfred Brendel Klangfarben erzeugt und seine ganz besonderen pianistischen Mittel einsetzt.

Auf die Frage, wie hoch denn das Honorar für so eine Lektion war, muss Paul Lewis lachen: Im Gegensatz zu den meisten prominenten Pianisten unterrichtet Alfred Brendel seine ausgesuchten Studenten gratis!

Gleiches Kernrepertoire

Paul Lewis spielt sämtliche späteren Werke Franz Schuberts ab 1822, alle Sonaten von Ludwig van Beethoven und auch die bedeutendsten Stücke von Franz Liszt. Das deckt sich mit Alfred Brendels Kernrepertoire.

Auch Lewis macht sich damit auf den wichtigen Konzertpodien der Welt einen Namen. Er etabliert sich in seiner bald 20-jährigen Karriere als eigenständiger Künstler und tritt aus dem Schatten seines Lehrers heraus. Trotzdem zieht der Name Brendel in Lewis' Biographie die Aufmerksamkeit stets wie ein Magnet auf sich. Einerseits ist das zwar eine förderliche Referenz, andererseits lenkt es aber auch ab vom 40-jährigen Paul Lewis.

Gleiches Kernrepertoire

Lewis tourt normalerweise alleine durch die Welt, am Lucerne Festival gibt er jedoch ein Konzert, zu welchem Alfred Brendel den einführenden Vortrag halten wird ­- Kalkül oder reine Künstler-Freundschaft? Das Management von Paul Lewis hält fest, dass dies weltweit der einzige gemeinsame Konzerttermin der beiden Künstler sei.
 
Brendel wird einige Stellen aus den letzten drei Sonaten von Franz Schubert selbst anspielen, was natürlich dazu einlädt, die beiden Pianisten direkt zu vergleichen. Lewis scheut diese Gegenüberstellung aber nicht:

«Es gibt nichts zu vergleichen. Mein Klang ist verschieden von seinem, und auch die Art, wie die Botschaft der Musik herüberkommt. Auch wenn es zwei-drei Ähnlichkeiten gibt, scheue ich den Vergleich nicht.»

«Ein Nachfolger - auf gar keinen Fall!»

Nachdem Alfred Brendel im Dezember 2008 seine pianistische Karriere beendet hatte, fragten sich viele Klavierliebhaber, wer denn der neue grosse Schubert- und Beethoveninterpret in der Interpretationstradition Edwin Fischers und Alfred Brendels sein könnte. Einer seiner ehemaligen Schüler käme da natürlich in Frage. Paul Lewis distanziert sich bei allem Respekt aber vehement vom Gedanken, eine Art «Erbe» Brendels zu sein: «Ich bin ein anderer Mensch. Ich bin auch anders als Musiker.»
 
Im Video-Interview für VPRO mit Melchior Huurdeman in Amsterdam (auf Youtube) erklärt Paul Lewis 2011 ganz unumwunden, was er Alfred Brendel verdankt. Er nennt ihn einen «Meister der Botschaft». Von Brendel hebe er gelernt, dass das Klavier ein Reservoir von Möglichkeiten darstellt, um musikalische Botschaften zu formulieren. Ein Klavier könne ein Orchester darstellen, eine Singstimme, etc. und Brendel sei über die Musik hinausgegangen, um die Bortschaften dahinter aufzuspüren und fassbar zu machen.

Autor/in: Moritz Weber