Alles nur im Kopf?

Nathacha Appanahs Roman spielt in einem Luxushotel auf Mauritius. Ulrike Ulrichs Text in einem Untersuchungszimmer. Aber die Hauptpersonen der jeweiligen Geschichten haben eines gemeinsam: Starke Gedanken, die ihre Situation dominieren. 

Ulrike Ulrich: Hinter den Augen
Bildlegende: Ulrike Ulrich: Hinter den Augen

Natacha Appanah ist in Mauritius aufgewachsen und dort ist auch ihr Roman «Blue Bay Palace» angesiedelt. Ein Auszug:
Blue Bay ist der allerletzte Ort der Landzunge. Der Ort, nach dem es nur noch Meere und Ozeane gibt. Eine kümmerliche Strasse, asphaltiert, doch von Schlaglöchern durchsetzt, führt durch Blue Bay hindurch und spaltet es auch. Links verbergen ebenmässige grüne Bambushecken schöne, in warmen Farben gehaltene Villen. Rechts (...) Reihen von Roquettes. Das sind diese Kakteen mit dem tödlich wirkenden Saft, den Blick frei auf rostige Blechhütten oder brüchige Bachsteinbude.

Maya ist die Protagonistin des Romans, erzählt in der Ich-Perspektive, detailgetreu und mit der gebotenen Dramatik einer 20-Jährigen. Sie arbeitet an der Reception des Blue Bay Palace, einem Luxushotel. Auf dem Jahrmarkt lernt sie David kennen. Doch Mayas erste grosse Liebe - eine leidenschaftliche Liebe - steht unter einem schlechten Stern, denn David ist der Direktor des Blue Bay Palace. In einem Interview mit Doris König für den Unionsverlag sagt die 1973 geborene Autorin über das Liebespaar: (...) Maya und Dave, die zwar beide einer indisch-mauritischen Einwanderungsfamile entstammen, aber dennoch grundverschieden sind. Was sie rund 150 Jahren nach ihrer Immigration trotz gleicher Vorfahren voneinander trennt sind: Soziale Stellung, Kaste, Geld, Bildung, Traditionsbewusstsein.

Maya muss hilflos zusehen, wie ihre Beziehung zerbricht und das bringt sie um den Verstand. Gedanken und Stimmen machen sich selbständig, sie ist ausser sich und greift zu drastischen Mitteln um ihre Sehnsucht nach der früheren unbeschwerten Zeit mit Dave zu stillen. Dank verknappter und präziser Beschreibungen von Mauritius und den Hauptfiguren wähnt man sich während der Lektüre als stiller Beobachter im Roman und auf der Insel.

Die Autorin von «Hinter den Augen» ist Ulrike Ulrich, geboren 1968 in Düsseldorf, wohnhaft in Zürich. Ihre Hauptfigur ist Karoline, auch eine Ich-Erzählerin. Ihr Hirn wird in einem Magnetresonanz-Tomographen untersucht. Sie liegt in der sogenannten «Röhre» die nicht nur bei Klaustrophobikern gefürchtet ist. Der laute Magnetresonanzbeat, wie Karoline ihn nennt, ist nur schwer auszuhalten. Das Buch unterteilt sich in  eindringliche kleine Kapitel, Einheiten, die man in Gedanken pro Minute messen möchte. Es sind versatzstückartige und schliesslich doch homogenen Gedankenritte einer Frau, die mit der Untersuchung herausfinden will, warum ihr die Dinge vor Augen verschwimmen. Sie will einen Tumor ausschliessen.

Eben noch die Stimme des Arztes über den Kopfhörer. Dass es losgehe. Wiederholt, dass es eine Stunde dauere. Eine knappe. Dass ich auch schlafen dürfe. Bloss nicht bewegen. Bloss bewegen darf ich mich nicht, in der Spule. In der Kopf-Spule. Den Kopf nicht wenden. Wie sollte ich auch.

Der wechselnde Sound des Tomographen, die Herausforderung, sich nicht zu bewegen und die Angst vor einer ernsthaften Erkrankung sind drei fixe Elemente, die Karoline immer wieder durch den Kopf gehen. Darüber hinaus tastet sie ihre Gedankenräume aus, Gedanken zum Jetzt und zur Vergangenheit. Sie fragt sich, ob ihr Liebster noch schläft, ob sie ihre beste Freundin betrogen hat, warum Tom gestorben ist und sie lotet die Unzulänglichkeiten ihrer Eltern aus. 

«Hinter den Augen» ist es ein intimes, sensibles Buch, das die Themen Selbstaufgabe und Selbstbestimmung aus verschiedenen Perspektiven angeht. Ein Buch für LeserInnen auf der Suche nach einem aussergewöhnlichen Leseerlebnis.

Nathacha Appanah: Blue Bay Palace
Lenos Pocket, 108 Seiten
ISBN: 978-3-85787-764-3

Ulrike Ulrich: Hinter den Augen
Luftschacht-Verlag, 128 Seiten
ISBN: 978-3-902844-16-3

Autor/in: Tanja Kummer