Auf ein Wasser mit Benjamin von Stuckrad-Barre

«Nüchtern am Weltnichtrauchertag» ist ein dünnes Buch in Postkartengrösse. Was nur wenige wissen, es war die Etüde für «Panikherz». Wie es für ihn ist, nüchtern am Rand zu stehen und nicht mehr mitzumachen, hat er mir bei einem Wasser erzählt.

Nora Zukker & Benjamin von Stuckrad-Barre
Bildlegende: Nora Zukker & Benjamin von Stuckrad-Barre SRF 3

Wie sieht das Leben aus, wenn man nicht mehr trinken darf? Was erlebt man, wenn man zum Wasser greift, während die anderen sich auf ihre ganz individuellen Berauschungspfade begeben? Was hat einem die Nacht dann noch zu bieten? Benjamin von Stuckrad-Barre erzählt davon, was bleibt, wenn man nicht mehr mitmachen kann. Und wie die anderen wirken, die weiter munter dabei sind. Selten ist so verdichtet darüber geschrieben worden, wie der Umgang mit der legalen Droge Alkohol die Menschen unterscheidet und das Leben prägt. Und dann führt Benjamin von Stuckrad-Barre den Gegenversuch durch, indem er am Weltnichtrauchertag eben nicht aufhört, sondern seinen Tagesablauf als Raucher protokolliert, von der ersten Zigarette im Stehcafé über diverse Schreibtischzigaretten, Spazierganglungenzüge und die letzte spätabends auf dem Balkon.

«Ich ballere immer das ganze Magazin leer und bin dann ganz bei Null!»

Sein Leben kommt in seine Bücher und nach seinem grossen Werk «Panikherz» und der Etüde «Nüchtern am Weltnichtrauchertag» darf man gespannt sein wie es weitergeht. Er sei kein wirtschaftlicher Autor, hat er mir erzählt es komme immer alles in das Buch rein, an dem er gerade arbeitet. Jetzt wird es erst einmal still - aber Stillstand gehört nicht zu seinem Leben und darum ist er aus Lesereise, was dann konnt, weiss er nicht.

«Die Klebeschildchen sind ein bisschen neurotisch, das ist mir sehr angenehm»

schreibt er mir als Widmung in sein Buch. Benjamin von Stuckrad-Barre bewunderte die grünen Post-it Kleber und ist sehr angetan, als ich ihm erkläre, dass ich die Farbe der Kleber immer passend zum Cover aussuche. Wir lachen und für einen Moment wird der schlagfertige Autor still und sagt dann, unsicher, ob er mir zu nahe kommt «Das ist aber schon ganz schön zwangsgestört, nicht?» - «Und wie!» lache ich und verabschiede mich.

«Pop-Literat klingt natürlich immer ein wenig nach Behindertenparkplatz»

Er will einer sein, der schreibt. Ob Dichter oder Pop-Literat, solche Zuschreibungen interessieren Benjamin von Stuckrad-Barre nicht. Fest steht trotzdem, ohne seine Bücher würde es das Genre der Popliteratur erst gar nicht geben. 

Leseprobe

Die anderen haben eine grosse Auswahl, dabei folgt jeder einem individuellen Berauschungspfad, dosiert in Abwägung von Wirkungserfahrung und heutiger Zielsetzung; im genau richtig erscheinenden Augenblick von weissem zu rotem Wein wechseln, maskulin beim Bier oder feminin beim Champagner bleiben, mal einen Espresso zwischenschieben, schliesslich das Finale mit dem Umstieg auf Wodka einläuten und zugleich verlängern der Drink-Umstieg eröffnet eine andere Ebene, der Alkohol samt des ihn sich Zuführenden greift dann noch mal anders an, ach, der gesegnete Autopilot des Trinkers - und ich stehe da also alleingelassen im Stimmungserdgeschoss mit einem Wasser, für mich geht es weder heiter rauf noch schwungvoll runter, ich habe maximal die Wahl zwischen still, medium und prickelnd. Da mal variieren? Läppisch, Also, bitte noch eins mit, mit Kohlensäure nämlich. Funky.

Nichts gegen Selbsthilfegruppen, vielen hat das schon geholfen, wunderbar; jedoch ergab, dass sich die beiden Wörter Selbsthilfe und Gruppe für mich zu keinem stimmigen Kompositum fügen. Ich musste es anders hinkriegen, allein, und zwar indem ich einfach nur sage: Für mich auch heute bloss ein Wasser Da capo al fine, wie auch immer dieses fine beschaffen sein mag, Klinik oder Grab, heute jedenfalls keinen Alkohol für mich, Am Anfang habe ich die Tage, dann die Wochen des Nüchternseins gezählt, schliesslich Monate in den Colt eingeritzt. Dann Jahre. Mittlerweile verpasse ich sogar den Jahrestag, ich denke gar nicht mehr darüber nach, meistens. Ich vermisse den Alkohol nicht, aber gelegentlich habe ich das Gefühl, er vermisst mich. Oha wird es da jetzt gefährlich, suchttherapeutisch? Eigentlich nicht. Ich habe meine nichtnüchterne Zeit in so plastischer Erinnerung, das hält noch eine Weile als Warnschild. Das Gemälde: Das Letzte Bier kann jederzeit auch als Prophezeiung für: mein nächstes Bier betrachtet werden - wie auch immer es wieder anfinge, genau so würde es wieder enden.

Stuckrad bei den Schweizern

Am Samstag 19. November liest Benjamin von Stuckrad-Barre im Schauspielhaus in Zürich. Seine Lesungen sind ein Spektakel und wenn einer Udo Lindenberg derart exakt imitieren kann, dann er.


Und am Montag 21. November ist er bei Hannes Hug im «Focus» - um 20 Uhr auf SRF 3.

Autor/in: Nora Zukker, Redaktion: Nora Zukker