Böse, böse Eltern

Man kann als Kind etwas ausfressen und dann Schiss vor den Eltern haben. In diesem Horror-Schmöcker haben die Kinder aber Angst, dass ihre Eltern sie auffressen.

Chase Novak: Breed (Hoffmann und Campe)
Bildlegende: Chase Novak: Breed (Hoffmann und Campe)

«Breed» heisst «sich vermehren» oder «züchten». Die Vermehrung ist Programm: Leslie und ihr Mann Alex ein steinreicher Anwalt aus gutem Haus wollen unbedingt Kinder, aber es klappt nicht, egal, was sie ausprobieren. Dann begegnen sie aber einem Paar, das sie aus der Selbsthilfegruppe für Paare, die keine Kinder haben können, kennen und die in freudiger Erwartung sind. Es gibt ihnen den Tipp, einen bestimmten Professor in Slowenien aufzusuchen.

Selbstverständlich machen sich Leslie und Alex sofort auf den Weg. Der Professor und sein Gehilfe sind zwar zwei sehr seltsame Zeitgenossen und die Behandlung auch Alex wird «zurechtgespritzt» schmerzt, aber sie hilft: Wie Tiere fallen Leslie und ihr Mann kurz danach in Leidenschaft übereinander her und zerstörten dabei das Hotelzimmer, Leslie wird schwanger. Sie erwartet mehr als ein Kind.

Als die Kinder zehn Jahr alt sind, sehen Leslie und Alex zwar noch aus wie Menschen, sind aber durch die Fruchtbarkeitsbehandlung zu furchtbaren Kreaturen mutiert, vor denen man sich fürchten muss vor allem, wenn man ihr Kind ist. Denn Leslie und Alex haben ihre Kinder wortwörtlich zum Fressen gern. Und sie sind nicht die einzigen - in New York gibt es noch zig andere Paare, die in Slowenien waren ...

«Breed» ist ein Buch für Fans von Stephen King, auch wenn Chase Novak (ein Pseudonym für den amerikanischen Journalisten Scott Spencer) weniger psychologisch geschickt, dafür mit höherem Tempo erzählt als der Horror-Altmeister. Die deutsche Übersetzung des Buches ist sehr gut gelungen, brilliert mit treffender Wortwahl und Wortwitz.

Auszug, Seite 12:

Seit drei Jahren versucht Leslie schon, schwanger zu werden, weshalb sie mit Alex gerade im Anbau der Herald Church in de West Ninetieth Street sitzt, in einem deprimierenden, klaustrophobischen, übelriechenden, schlecht beleuchteten, schrecklichen und deprimierenden (ja, das ist durchaus einer zweiten Erwähnung wert) Kellerraum, in dem die beiden an dem zweimal wöchentlich stattfindenden Treffen der Selbsthilfegruppe für unfruchtbare Paare teilnehmen. Während Leslie den Blick über den abgenutzten Linoleumboden, die Gipskartonwände, die rechteckigen Neonlampen und die Metallklappstühle schweifen lässt, schlägt sie die Beine übereinander, stellt sich gleich darauf wieder züchtig auf den Boden und versucht, den Ausdruck auf dem langen, schmalen, ernsten Gesicht ihres Mannes zu deuten. Der ist jedoch so undurchdringlich, wie wenn Alex im Aufzug zum oberstens Stock der Erskine Building fährt, wo die altehrwürdige Kanzlei Bailey, Twisden, Kaufmann & Chang ihren diskreten Geschäften nachgeht, einer anwaltlichen Tätigkeit, die Leslie eher an Buchführung erinnert als an das, was man im Fernsehen sieht. Bei TV-Anwälten stehen Leben auf dem Spiel, Unrecht wird beseitigt, und das System tastet sich blind zur Gerechtigkeit hin. Bei BTK&C hingegen ausschliesslich um die ordnungsgemässe Übertragung von Eigentum, und die goldene Regel lautet offenbar: «Tritt nie dem Mandanten auf die Zehen.»

Chase Novak: Breed
Hoffmann und Campe Verlag, 350 Seiten
ISBN: 978-3-455-40441-8

Autor/in: Tanja Kummer