Die Kunst, Schluss zu machen

Zwiebellook? Kennen wir vom Winter und vielen Kleiderschichten. Dieser dicke Roman zollt dem menschlichen Zwiebellook Tribut - den vielen Häuten, die wir haben.

Anna Stothard: Die Kunst, Schluss zu machen (Diogenes)
Bildlegende: Anna Stothard: Die Kunst, Schluss zu machen (Diogenes)

Oder anders gesagt - mit einem Zitat aus dem Buch: "Es wird einem nie gelingen, einen Menschen voll und ganz zu verstehen, bis zu dem Moment, in dem man ihn verlässt." Eva Elliot, um die 30, Londonerin, angestellt als Lektorin in einem Erotik-Buch-Verlag, findet ihre Männer meist erst dann spannend, wenn sie sie verlässt - weil sie dann ganz andere Seiten von sich zeigen.

Aber dann kommt sie mit Luke zusammen, einem verschlossenen und arbeitswütigen Jurist. Auf einer Party beobachtet Eva, wie er sich intensiv mit einer Frau unterhält, von der sie nur die blonden Haare sieht. Der Leser ahnt, dass es dieselbe Frau ist, die Eva selber bald kennenlernt - Grace. Ein verrücktes Huhn. Mit der Luke anscheinend etwas verbindet.

Nun kann Eva nicht mehr von Luke lassen, ihn nicht verlassen. Denn Schicht um Schicht entdeckt sie, wer Luke wirklich ist.
Anna Stothard, Jahrgang 1983, geboren in London, schafft es meisterhaft, ihre Figuren - allen voran die leicht unterkühlte Eva - in 3D zu zeigen. Ein Roman, der Spass macht und zum Schluss hin die Spannungsschraube anzieht.

Leseprobe, Seite 59:

May Elliott, Evas Grossmutter väterlicherseits, war eine drahtige Frau, die nichts von Depressionen oder Müdigkeit hielt, die während des gesamten Zweiten Weltkriegs in Munitionsfabriken arbeitete und auf dem linken Ohr nichts mehr hörte, seit auf den Lebensmittelladen neben ihrem Wohnhaus eine Bombe gefallen war. Ihr Mann war in der Royal Air Force und fiel im Herbst 1940, als seine Frau gerade schwanger war. Evas Grossmutter zitierte Gedichte mit dem Aplomb einer Universitätsprofessorin, obwohl sie kaum Schulbildung genossen hatte; sie erzählte herrliche Geschichten, konnte aber keinen Witz zu Ende bringen, weil sie sich noch vor der Pointe kaputtlachte. Eva hatte eine annehmbare Beziehung zu ihren Eltern, doch ihre Grossmutter bedeutete ihr am meisten.

Autor/in: Tanja Kummer