Die unverwüstliche Textsorte: «Die besten Schweizer Reportagen»

Die Reportage lässt sich vom Snapchat-Storytelling nicht verdrängen. Ganz im Gegenteil. Die LeserInnen haben mehr denn je das Verlangen nach gut recherchierten und emotional erzählten Geschichten, die die Wirklichkeit verhandeln.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Die Reportage ist die Kunst, der Wirklichkeit eine spannende Erzählung zu entlocken. Und die vielfältige Schweizer Presse bringt aufsehenerregende Reportagen hervor. Zum 5-jährigen Jubiläum von «Reportagen» und zu 25 Jahren «NZZ Folio» haben Daniel Puntas Bernet und Daniel Weber die besten der letzten Jahre ausgewählt. Es sind Glanzstücke von Könnern wie Margrit Sprecher, Erwin Koch, Peter Haffner oder Constantin Seibt, daneben vielversprechende junge Stimmen wie Florian Leu und Sasha Batthyany. Ob Swissair-Prozesse, Weltwirtschaftsforum, Bauernsterben, Aufstieg der SVP, Globalisierung oder anhaltende Flüchtlingsströme: diese Texte produzieren starke Bilder von der Zeit, in der wir leben.

Die Heimatmaschine
Von Guido Mingels


Noch 5 Sekunden!, sagt die Regie
Vier, drei, zwei, eins und Cut!
Ländlermusik klingt
Kamera drei, schwenken!
«Donnschtig-Jass! Heute direkt aus Diemtigen » Achtung, Kamera eins ... Cut!
«Und wird Ihnen präsentiert von ...»
Kamera zwei auf den Applaus!
«... Monika Fasnacht »
(...)
Weil aber mit den Jahrzehnten die Schnittfolgen in der TV-Kultur immer schneller, die Worte immer mehr und die Bilder immer greller wurden, erscheint das unveränderte Herzstück der Sendung, der Jasswettkampf, dem uneingeweihten Zuschauer im dritten Jahrtausend wie ein Besuch der Geschichte in der Gegenwart. Vier Spieler sitzen um einen Tisch und sprechen eine ganze Sendestunde lang praktisch kein Wort. Die Moderatorin sagt wenig mehr Wenn die fest montierte Deckenkamera den Jasstisch für eine Spielrunde ins Bild gerückt hat, kann es acht Minuten dauern bis zum nächsten Schnitt. Acht Minuten! Die durchschnittliche Menge an Cuts pro Minute in einem Videoclip auf MTV beträgt 42, und noch in der «Tagesschau» sind es rund zehn. Im «Donnschtig-Jass» aber steht die Zeit still Kamera vier auf Monika! Achtung, Kamera vier! Cut!
«Und das ist der Josef Felder, herzlich willkommen bei uns, Josef, du bist der Jasskönig von Marbach, was machst du so im Leben?»
«Ja, ich führe seit rund dreißig Jahren ein Geschäft, meine Hauptarbeiten sind Heubelüftungen, Heukrananlagen, Verkauf, Beratung, Service »
«Und so Hobbys?»
«Hobbys habe ich mehrere Im Winter Ski fahren und nebenbei bin ich Rettungspatrouilleur, dann spiele ich gerne Theater, fahre Velo und trinke gerne einen guten Kaffee mit Schnaps »
«Ah, der Entlebucher Kaffee, der ist ja legendär, niemand weiß, wie man ihn macht Kannst du es mir verraten?»
«Das kann ich dir selbstverständlich verraten, falls der Jass nach Marbach kommt »
Ja: Falls er kommt Und nicht etwa nach Escholzmatt geht Dorf jasst gegen Dorf, spannungsfördernde Maßnahme im Sendekonzept, und wer gewinnt, darf, fast wie beim Grand Prix de la Chanson, die nächste Sendung ausrichten. So macht der «Donnschtig-Jass» Nachbarorte zu Konkurrenten und Freunde zu Feinden Diemtigen, wo der Jass diesmal stattfindet, hatte in Bischofszell gegen Zweisimmen gewonnen, heute aber heißt es Escholzmatt (3400 Einwohner, 272 Bauernhöfe) gegen Marbach (1265 Einwohner, 124 Bauernhöfe), zwei Gemeinden im hintersten Entlebuch, Kanton Luzern Natürlich hat der Gemeindepräsident von Escholzmatt gesagt: Ihr Marbacher seid auch rechte Leute. Natürlich hat der Gemeindepräsident von Marbach gesagt: Und wenn ihr gewinnt, Kollegen, wir gönnen es euch. Aber die Wahrheit ist, dass es nichts Schlimmeres gibt, als gegen das Nachbardorf zu verlieren, dabei das ganze Land zum Zeugen.
Denn beide haben sich monatelang vorbereitet, haben ein Organisationskomitee gebildet mit einem OK-Präsidenten, einem OK-Vizepräsidenten, einem Unterhaltungschef und einem Festwirt, haben, wie im «Pflichtenheft für die Durchführung der Sendung Donnschtig-Jass» vorgesehen, in einem Dorfjassturnier je einen Jasskönig und einen Telefonjasser ermittelt, haben Verkehrskonzepte erstellt für den großen Tag, haben je 40 Hotelzimmer reserviert für die Fernsehequipe, haben je drei Musikdarbietungen für die Sendung vorgeschlagen, «nicht nur volkstümliche», wie das Pflichtenheft verlangt, haben eine Open-Air-Festwirtschaft organisiert, je 1200 Liter Bier, 600 Steaks und 500 Bratwürste auf Abruf vorbestellt, haben je fünf Polizisten und Feuerwehrleute auf Pikett gesetzt und haben beide ihre Gemeinde für ein Fernseh-Ortsporträt von 3 Minuten und 30 Sekunden Sendelänge von der besten Seite gezeigt, aber gesendet, und das ist das Bitterste, wird am Ende nur das vom Sieger.
Man sitzt jetzt am Jasstisch, erste Spielrunde von vieren König Josef aus Marbach spielt gegen Beat aus Escholzmatt, dazu zwei einheimische Mitwisser. Monika heißt alle willkommen. Immer heißt sie irgendjemanden willkommen. Immer fragt sie nach Beruf, Familie und Hobby, der Trias des Lebens. Herzlich willkommen Rene? Boss aus Oey, ledig, Lokführer, keine Zeit für Hobbys. Herzlich willkommen Telefonjasser Beat Glanzmann, zwei Kinder, Gastwirt, Tennis. Und herzlich willkommen Ernst Kneubühler aus Zwischenflüh, Rentner, Großvater, Schnitzen. Sein Hobby ist sehr speziell. Er schnitzt Äste zu Ketten. Aus einem einzigen Holzstück macht er Dutzende ineinander verschränkte Kettenglieder. «Die längste war drei Meter sechzig», sagt er, lässt die Holzschnur vor der Kamera baumeln: Ahorn. Achtzig Stunden hat er dafür gebraucht «Danke für das super Hobby, Ernst», sagt Monika. Schellen ist Trumpf.

 

Die besten Schweizer Reportagen
herausgegeben von Daniel Puntas Bernet & Daniel Weber
Nagel & Kimche Verlag, 272 Seiten
ISBN: 978-3-312-01002-8

Autor/in: Nora Zukker