Dieses Buch verbindet ...

die liebevolle Beschreibung von Menschen, die im Wien der 30er Jahre leben mit den furchtbaren Fakten der Zeitgeschichte: Dem Beginn des zweiten Weltkrieges.

Der Trafikant
Bildlegende: Der Trafikant

Liebe Mutter,

jetzt bin ich schon eine ziemliche Weile hier in der Stadt, allerdings kommt mir ehrlich gesagt alles immer fremder vor. Aber vielleicht ist es ja so mit dem ganzen Leben. Man entfernt sich von Geburt an und mit jedem einzelnen Tag ein bisschen weiter von sich selbst, bis man sich irgendwann gar nicht mehr auskennt. Kann es sein, dass es wirklich so ist?
Fragt mich vielen Grüssen,

Dein Franz

Das ist eine Postkarten, die Franz Huchel seiner Mutter nach Hause ins Salzkammergut schickt. Er ist im Jahre 1937 mit 17 Jahren nach Wien gereist, um einem Trafikanten beim Verkauf zu helfen. In Trafiken werden Tabakwaren, Zeitungen, Zeitschriften und Schreibwaren verkauft.

Der vom Landleben geprägte Franz lässt sich auf die lebendige Grossstadt Wien ein, ist aufgeschlossen, verliebt sich und lernt Sigmund Freud kennen, der sich an Franz erfrischender Naivität einen Narren frisst. Doch dann beginnt der zweite Weltkrieg und Franz erlebt das Schicksal vieler Juden hautnahe mit, unter anderem auch das seines Freundes Freud.

Der Österreicher Robert Seethaler erzählt von einer schlimmen Zeit, erzählt aber in einer Sprache, die ein einziges Freudenfest ist: Der Protagonist Franz sprüht vor Witz und Optimismus. Diese Kombination macht das Buch ergreifend und unvergesslich.

Leseprobe, S. 166:

(...) die Zeitungen waren sowieso fast ausschliesslich mit denselben, immer wiederkehrenden Inhalten gefüllt. Hatte man den Wienerwaldboten gelesen, kannte man auch den Bauernbündler, hatte man die Reichspost durch, konnte man sich das Volksblatt gleich sparen und so weiter. Es war, als ob die Redaktionen sich jeden Tag zu einer einzigen, riesigen Konferenz versammelten, um zur Wahrung einer scheinbaren Objektivität wenigstens die Überschriften untereinander abzustimmen und hie und da ein paar Textunterschiedlichkeiten in die ansonsten völlig gleichlautenden Artikel einzubauen. Meistens ging es um Adolf Hitler. In kürzester Zeit hatte sich der kleine Oberösterreicher in die Köpfe seiner Landsleute hineingesetzt und würde daraus sicher so schnell nicht wieder verschwinden.

Robert Seethaler: Der Trafikant

Verlag Kein&Aber, 250 Seiten

ISBN: 978-3--0369-5645-9

Autor/in: Tanja Kummer