Draussen um diese Zeit

Der Moment des Glücks ist zentral, aber er funktioniert nur im Kontrast zu den weniger glücklichen Momenten. Ulrike Ulrich erzählt von diesen Momenten mit kunstvoll schlichtem Erzählton.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Sie sind draussen, die Menschen in den Erzählungen von Ulrike Ulrich. Sie arbeiten mit ihren Laptops im Wiener Kaffeehaus, sie spielen Akkordeon in der Pariser Métro, sie kleben illegal anarchistische Plakate an der Piazza di Spagna in Rom, sie tauchen ihre Füsse bei Palmenhaus in Zürich ins Schildkrötenbecken, sie lernen in der Bar vom New Yorker Roosevelt Hotel jede Woche einen anderen Mann kennen, um mit ihm aufs Zimmer zu gehen und nachher einen Comic darüber zu zeichnen. Obwohl die meisten von ihnen ein Zuhause haben, suchen sie ihr Glück nicht in den eigenen vier Wänden. Draussen begegnen sie einander, verpassen, verbünden oder küssen sich, schliessen Wetten ab, glauben an Zufälle und werden gemeinsam festgenommen.

Ulrike Ulrich versammelt in diesem Band Erzählungen von sprachlicher Dichte und Präzision, die mit eigensinnigem Humor Einblicke in die Gedankenwelt der Figuren eröffnen und die Schönheiten und Abgründe des Menschseins in unserer Zeit aufdecken. Gegenwärtige Erzählungen, die Lust darauf machen, mit dieser Stimme um die Welt zu reisen. Zu Hause ist ohnehin niemand, weil sich alle auf die Suche begeben haben, ihren Sehnsüchten folgen, draussen um diese Zeit.

Leseprobe

Jeden Freitag geht sie zu den Schildkröten. Jeden Freitag, wenn es nicht regnet, setzt Hanna sich auf die rote Bank, die am Rand des Goldfischgrabens steht, direkt neben das Schildkröten-Warnschild, über das sie mit ihm gesprochen hat, über das sie überhaupt erst ins Gespräch kamen. Er hat sie angesprochen. Sie hätte sich nicht getraut. Letzten Freitag, als es geregnet hat, ist sie am Graben vorbei ins Palmenhaus gegangen und hat sich auf die Bank gesetzt, die dem Innenbecken am nächsten steht, aber sie hat dann genauso wenig daran geglaubt, dass er kommen wird, wie sie daran glaubt, dass die Schildkröten beissen. Trotzdem blieb sie zwei Stunden lang im Palmenhaus. Trotzdem hat sie den Schildkröten noch nie über den Panzer gestreichelt, obwohl sie Lust dazu hätte, besonders über den verbeulten Panzer von Agnes würde sie gerne mit den Fingerspitzen fahren, er erinnert sie an die Beifahrertür ihres ersten Kadetts, die auf eine ähnlich unvollziehbare Weise eingedrückt war, schon damals vor fast dreissig Jahren, als sie den Wagen von ihrem Grossvater zum Abitur geschenkt bekam. Gerade jetzt kriecht Agnes an den Rand des grossen Steins, auf dem heute alle Schildkröten neben- und übereinanderlagern, und taucht ihre Vorderfüsse ins Wasser, während eine andere Schildkröte, der Hanna noch keinen Namen gegeben hat, sich ganz in den Wassergraben rutschen lässt und dabei eine weitere mitreisst. Bis die unfreiwillig untergetauchte Schildkröte, die Burkhard heissen könnte, den Stein wieder erklommen hat - zweimal fällt sie mit dem Panzer voran zurück ins Wasser - vergeht eine Minute, in der Hanna sich fragt, ob die Unterseite der Weibchen und Männchen gleich aussieht. Es vergeht eine Minute, in der Hanna beinahe gar nicht daran denkt, wo er bleibt und wieso er nun schon an zwei Freitagen nicht da war, wieso er vielleicht auch schon an zwei Freitagen nicht da war, wieso er vielleicht auch an diesem nicht kommen wird, obwohl die Sonne scheint und die Schildkröten sich alle auf der grossen Steinplatte versammelt haben, Elsa wie immer obenauf, die kleine Elsa deren Panzer ausfranst und aussieht, als wolle er zu Federn werden.

Ulrike Ulrich
Draussen um diese Zeit
Erzählband
Luftschacht Verlag, Wien
ISBN 978-3-902844-61-3

Autor/in: Nora Zukker