Einwandern, auswandern: Der Migrationsroman «Elefanten im Garten»

Meral Kureyshi erzählt von der Einwanderung aus dem Kosovo in die Schweiz. Es ist ein berührender und tieftrauriger Roman. Meral Kureyshi lebt und schreibt in Bern und macht das so gut, dass sie mit «Elefanten im Garten» für den Schweizer Buchpreises 2015 nominiert war.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

«Ich wurde aus meinem Leben genommen. Ich wurde in ein anderes Leben fallen gelassen. Wäre mir nicht meine Kindheit genommen worden, wäre ich ganzer, als ich heute halb bin?»

Als ihr Vater unerwartet stirbt, gerät die junge Erzählerin ins Schlingern. Ein Jahr lang lebt sie im Ungefähren, besucht wahllos Vorlesungen an der Universität, fährt Zug, sucht unvermittelt Orte ihres bisherigen Lebens auf, reist nach Prizren. Erinnerungen an ihre idyllische Kindheit in der osmanisch geprägten Stadt, die sie im Alter von zehn Jahren mit ihrer Familie verlassen musste, drängen machtvoll in ihre Schweizer Gegenwart.

Aber die Welt ihrer Kindheit findet sie nicht wieder in Prizren, und auch sie selbst hat sich verändert. Sie sucht einen Platz in ihrem neuen Land, der neuen Sprache. Die Unselbständigkeit ihrer einsamen Mutter erträgt sie nur schlecht, und mit jedem neuen deutschen Wort wächst die Entfernung zu ihr. Während die Mutter sich zunehmend isoliert, versucht die Erzählerin dem Stillstand zu entkommen.

«Elefanten im Garten» ist ein wunderbarer Roman über ein von der Migration geprägtes Leben, über Herkunft und Entfremdung, Verlust und Beharren, aber auch über Neubeginn und Rettung – im Erzählen.

Überraschungskandidatin beim Schweizer Buchpreis 2015

Bis vor Kurzem kannte man Meral Kureyshi nicht. Und plötzlich wird sie auf der Strasse erkannt. Sie ist die Überraschungskandidatin beim Schweizer Buchpreis 2015. Böse Stimmen könnten sagen, sie hätte einen Bonus, weil ihr Buch den Nerv der Zeit trifft. Eine Zeit in der die Fragen nach Migration, Entwurzelung und Unsicherheit eine neue Dimension erhalten. Es sei Taktik der Buchbranche, dass sie sich genau überlegt haben, wann dieses Buch erscheinen soll. All diese Fragen interessieren aber eigentlich nicht wirklich.
Meral Kureyshi sagte in einem Interview, dass sie seit zehn Jahren an diesem tagebuchartigen Text arbeitete. Das ihr Buch gedruckt wird, war längt vor der brisanten Flüchtlingstehmatik klar. Und so oder so: Dass wir es hier mit einem überzeugenden Erstlingswerk zu tun haben steht ausser Frage. In nur 140 Seiten werden wir Zeuge einer Einwanderungsgeschichte und der ständigen Unsicherheit, in der die Familie lebt. Und eines ist sehr wichtig: Meral Kureyshi ist in die Schweiz geflogen und nicht geflüchtet. Das ist ein Unterschied. Ein entscheidender.

Meral Kureyshi
Elefanten im Garten
Limmat Verlag, 140 Seiten
ISBN: 978-3-85791-784-4

Video «Meral Kureyshis Leben als Flüchtlingskind in der Schweiz» abspielen

Meral Kureyshis Leben als Flüchtlingskind in der Schweiz

4:32 min, aus Kulturplatz vom 7.10.2015

Autor/in: Nora Zukker