Existentieller Slapstick: «Die Welt im Rücken» von Thomas Melle

Thomas Melle spielt in der Champions League der deutschen Literatur. In seinem dritten Buch schreibt er an gegen die Tabuisierung psychischer Krankheiten und erzählt sein Leben im Schatten von Manie und Depression. So sehr ich mich unterhalten fühle, so sehr schäme ich mich dafür während des Lesens.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Hoch-und Tiefdruckgebiete der Psyche

Thomas Melle leidet an der stärksten Form der manisch-depressiven Erkrankung. Seine manischen Episoden dauerten bis zu eineinhalb Jahren. Genug Zeit, sich dabei vollständig zu zerstören. Thomas Melle hat sich hochgradig verschuldet. Was mit grosszügigen Lokalrunden angefangen hat, endete im absoluten Desaster. Und wenn die Depression kam, brach alles zusammen und es kommt die unfassbare Scham, wie jenseitig er sich in der Manie aufgeführt hat. Viel Zeit verbringt er in der Klinik. Heute ist er gut eingestellt mit Medikamenten. Man hofft so sehr, dass es die letzte Manie war, die dritte, die er hatte. Thomas Melle hofft auch, weiss aber, dass es dafür keine Sicherheit gibt.

Entwaffnende Ehrlichkeit ohne die Würde zu verlieren

Thomas Melle hätte den Deutschen Buchpreis am Montagabend so sehr verdient. Kritiker schreien, seine Autobiografie sei nicht wirklich literarisch. Das Schreiben diene in diesem Fall der Selbstheilung. Leider vergessen diese Menschen dann aber auch, dass Thomas Melle bereits mit seinen ersten beiden Büchern für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Was durchaus dafür spricht, dass es sich sehr wohl um einen literarischen Wurf handelt. Nicht zuletzt wegen dem unfassbar gelungenden Twist im Buch. Thomas Melle schafft es, derart gut zu erzählen, dass ich während 350 Seiten manisch-depressive Episoden durchlebe. Was für mich endet nach dem Lesen, ist das Schicksal des Schriftstellers.

Leseprobe

Als ich Sex mit Madonna hatte, ging es mir kurz gut. Madonna war noch immer erstaunlich fit, was mich allerdings kaum verwunderte. Man hatte ja verfolgen können, wie sie um 2006 zur Fitnessmaschine mutiert war und sich im Video «Hung Up» abplackte, zwischen Splits und Squats, immer härter, immer extremer, als Gummimensch mit weichgezeichneten Kurven, der seinen Körper nach starkem Willen formt und der Vergänglichkeit so in den labbrigen Arsch tritt.

Und jetzt wurde ich Nutznießer dieser Bemühungen; jetzt wurde ich endlich mit den Früchten ihrer schweißtreibenden Körperarbeit belohnt – ich, der ich ebenfalls in den letzten Monaten beachtlich abgemagert war und diesen Prozess auch mehr oder weniger lückenlos dokumentiert hatte, auf meinem Blog, den ich täglich zerstörte und erneuerte. Also war es jetzt so weit, und ich konnte sie mit der größten Selbstverständlichkeit von der Oranienstraße wegpflücken.

Wieso sollte ich auch überrascht sein? Sie hatte ihr Leben lang über mich gesungen. Wie auch Björk. Die allerdings ging mir inzwischen gehörig auf die Nerven. Verloren wuselte sie in Cafés und Bars um mich herum und versuchte, mein Herz mit ihrem brüchigen Elfengesang zur Räson zu rufen. Denn war sie nicht immer meine wahre Popliebe gewesen? Wieso denn jetzt plötzlich Madonna? So schien es aus ihr zu wimmern.

Im Gegensatz zu Madonna aber hatte Björk nicht konsequent an sich gearbeitet, sich nicht ständig neu erfunden und gehäutet. Björk schien zu glauben, durch Aufsetzen ihrer Selma-Brille aus «Dancer in the Dark» und ihre schlampige, fertige, mitleidheischende Erscheinung könnte sie meine Jugendliebe zu ihr umstandslos neu entfachen. In ordinär verhangenen Cafés näherte sie sich mir, Laub in den Haaren, gurrte Unverständliches und machte sich dann unverrichteter Dinge davon.

Ähnlich Courtney. An den eigentlichen Geschlechtsakt mit Madonna kann ich mich kaum erinnern. Es wird weder besonders wild noch besonders langweilig gewesen sein. Madonna ist nämlich gar keine Sexbombe, genauso wenig wie Elvis eine war, von dem eine Liebhaberin bekanntlich meinte, er sei ihr im Bett wie ein kleines, unbeholfenes Baby vorgekommen, samt Schnappreflex zur Mutterbrust. Madonna war ähnlich inzestuös unterwegs, schien in mir noch immer ihren Sohn zu sehen, den gefallenen Jesus, dem sie Oralsex verpassen will: Im down on my knees, Im gonna take you there, und so dünstete unser Sex den Ruch des Verbotenen aus, ohne dass dieses Ketzertum mich auch nur im Geringsten kickte. Bald erkannte ich auch die alte Frau unter mir, das Fleisch nun doch weicher und labbriger unterm Zugriff, die Masken alle gefallen, die Krähenfüße vom vielen Lachen tief in die Haut gezogen. Die Masken alle gefallen, ja: bis auf dieses wölfische Grinsen, das mir schon in der Fensterreflexion des Buchladens entgegengestrahlt hatte.

Madonna bleckte ihre langen Zähne. Wir hatten die Bücher in der Auslage betrachtet, unsere Blicke hatten sich getroffen, ein Erkennen auf meiner, ein Schmunzeln auf ihrer Seite, und ohne ein weiteres Zeichen waren wir in meine zerschossene Wohnung am Kottbusser Tor geeilt, der nasse Teer ein dunkler Spiegel unter unseren Füßen. Sie kam einfach mit.

Ich weiß noch, dass ich anfangs staunte, wie gut in Schuss sie war, fast so wie auf den Aktbildern aus den frühen Achtzigern, muss aber auch eingestehen, dass mir ihre Brüste bald viel übersichtlicher vorkamen als angenommen, als von den Medien oder von ihr selbst regelrecht vorgetäuscht. Mindestens zwei Körbchengrößen musste man abziehen, dann stimmte es in etwa. Doch wer war ich, jetzt kleinlich zu urteilen, auch wenn Madonna sozusagen unter meinem Blick zerfiel? Oder vielmehr: Wer war ich, sie zu enttäuschen? Beide hatten wir seit Jahrzehnten auf diesen Moment gewartet. Weitere Gedanken und Bewertungen ließ ich also sein und gab ihr, was sie sich nahm. Am nächsten Morgen war sie standesgemäß verschwunden, ohne ihre Telefonnummer hinterlassen zu haben. Madonna halt.

Autor/in: Nora Zukker