Femme fatale in Olten: Der neue Mundartroman von Pedro Lenz

«Di schöni Fanny» macht dem Ich-Erzähler Jackpot das Leben schwer. Pedro Lenz ist ein begnadeter Erzähler und ein unverbesserlicher Romantiker. Sensibel, ironisch und klug erzählt er auch hier wieder von sympatischen Verlierern. Und spätestens nach der Lektüre wissen wir: Olten ist eine ganze Welt.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Drei Künstler und Tagediebe stolpern in dieser tragisch-komischen Geschichte durch das neblige Olten: Jackpot, der erfolglose Schriftsteller, der auf Hunde und Pferde wettet, und die beiden Maler Louis und Grunz, die das Leben und die Schönheit lieben. Ihre Hingabe zur Kunst und zu den kleinen Freuden des Alltags scheint die drei Freunde zu erfüllen. Das Schicksal meint es gut mit denen, die wenig verlangen und viel geben. Doch dann tritt die schöne Fanny in ihr Leben. Allein durch ihre Präsenz bringt Fanny das scheinbar stabile Gleichgewicht der Männerfreundschaft ins Wanken. Mit der Leichtigkeit des Seins ist es bald vorbei. Jeder begehrt Fanny, aber keiner scheint zu verstehen, was Fanny begehrt.

Keine Angst vor Mundartgeschichten

Eigentlich ist es ja etwas paradox. Viele sagen, ich lese sicher keine Bücher, die in Mundart geschrieben wurden. Viel zu anstrengend, viel zu ungewohnt. Aber nur weil man irgendwann einmal beschlossen hat, dass Bücher auf Hochdeutsch daher kommen und man sich das gewohnt ist, heisst es ja nicht, man könnte der Mundart nicht doch einmal eine Chance geben.
Und wenn dann bitte mit den Büchern von Pedro Lenz. Der Meister des Dialekts, der unbestritten auch tolle Texte in Hochdeutsch schreibt, zeigt in seinem neusten Roman den sprachlichen Reichtum der Mundartliteratur und plädiert für eine weltoffene Schweiz, die ihre traditionellen (sprachlichen) Werte nicht vergisst.

Leseprobe

Jackpot! Was machsch de du do amne Mäntig?
Nüt. Mou wöue cho froge, was bi dir so louft. Machsch es
Kafi? Klar. Sowiso. Chumm ueche. Verzöu, verzöu. I loufen es paar Schritt hinger em Louis d Stägen uuf. Sini Lunge ruuschet und pfiift wi so ne Teechochtopf, wenn ds Wasser chochet. Aber d Sigarre, di nimmt er wäge däm nid zum Muu uus. Rauchen kann Ihr ungeborenes Kind töten. Nume säget das mou am Louis. A ungeborene Ching het dä no nie gross umegstudiert. Är roucht, sit er cha dänke, und jetz füert er mi i sis Atelier, nid zum erschte Mou. Kener grosse Geschte. Kener Fanfare. Numen es Scharnier, wo mou e Tropfen Öu mögt verliide, und e Ruum vou Papiir und Liinwäng und Bleistift und Farbe. Wart, i ruume das Züüg chli wägg. Lueg, chasch do uf ds Sofa, seit er. I häbe d Nasen i d Luft. Schmöck mou, Louis, schmöck mou. Schmöcksch es ou? I däm Atelier do schmöckts nach ere schöne, blutte Frou. Der Louis hueschtet nume, währenddäm dass er es paar Blätter i ne Kartonmappe leit und d Mappen a ne Wang stöut. Weisch was, Jackpot? Das mit der blutte Frou seisch jedes Mou, wenn de do inechunnsch. Derbii han i erscht grad
glüftet. Aber wär weiss, vilecht stimmts sogar. Naked women and beer. We got it all in here. Hank Williams Junior. Bravo, Jackpot! Dä isch es, ganz genau dä. Hank Williams Junior himself, seit der Louis und chochet ds Kafi uf däm Camping-Gasöfeli, won er nume für das im Atelier het. De schüücht er mit ere Zitig d Chatz ab em Sässu.
Putz di furt, blödi Butzle! D Chatz reklamiert, aber das interessiert i däm Momänt grad ke Sou. Nächär nimmt der Louis zum erschte Mou, sit i bi nim bi, di chrummi Sigarren us em Muu und leit sen i ne flache Porzellantäuer. Gseht schön uus, wi ds Röuchli grad ufefahrt.
Auso, leg los, seit er zue mer und stöut afe zwöi Tassli und
der Zucker uf nes Salontischli näbe ds Sofa. Aber ig, i säge no nüt. Bevor dass i öppis säge, tuen i no chli dergliiche, i heig ewig Zit. Luege d Skizzen aa, wo über au umeligge, nimen e Gipsfigur i d Hang, wo uf emne Tisch steit, häbe se gäge ds Liecht, wi wenn ig irgendeinisch i mim Läben irgendöppis vo Gipsfigure hätt verstange. De loufen i no chli ufen und abe. Und wos mi dünkt, jetz heig i gnueg lang gwartet, sägen is: Weisch was? I ha der rot Fade gfunge. I weiss jetz hoorgenau, wi der Roman söu wärde. Dört machen i e Pouse, e rhetorischi Pouse, wi d Fachlüt würde säge, e schön pointierti Kunschtpouse, guet gsetzt. I wott luege, wi der Louis reagiert. Aber de dünkts mi, dä reagieri überhoupt nid. Der Moler steit eifach bim Gasflämmli und wartet uf e Momänt, wo der Kafi i ober Teil vom Chänndli louft. Är isch nume genau bi däm Kafichänndli und süsch niene. I versuechen öppis vo däm verläbte Gsicht abzläse, aber i gseh ne nume vor Siten und im Schatte. Eso chan i wenig abläse. Seisch nüt, Louis? Was söu i säge? Verzöu doch zersch afe mou vo däm rote Fade. Äbe, muesch lose, muesch lose. Es geit um nes paar Kollege, drü, zums genau säge. Si verbringe vüu Zit mitenang. Si kenne sech guet, und wenns nötig isch, de luege si zunenang. Si hei meischtens ke Stutz oder fasch kene. Aber das macht ne nüt uus. Si kenne nüt angers. Si wette vüu, mache mit bi sore Wettgsöuschaft. Sportwette. Aues einigermasse
legau.

Di schöni Fanny
Pedro Lenz
Cosmos Verlag, 2016
ISBN: 978-3-305-00469-0

Autor/in: Nora Zukker