Fräuleinwunder Mirna Funk

Kantig und polemisch. Zupackend sinnlich und vielschichtig weise. Das ist Winternähe. Das Debut von Mirna Funk über den heutigen Antisemitismus in Deutschland.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Mirna Funk erzählt die Geschichte einer jungen deutschen Jüdin in Berlin und Tel Aviv. Ihr Name ist Lola. Sie ist Deutsche. Sie ist Jüdin. Und die einzige, der ihr ein Hitlerbärtchen ins Gesicht malen darf, ist sie selbst. Sie hat genug davon, dass andere darüber bestimmen wollen, wer sie ist und wer nicht. Sie entscheidet, wovon sie sich verletzt fühlt und wovon nicht. Wer bestimmt darüber, wer wir sind? Unsere Herkunft, falsche Freunde, orthodoxe Rabbiner? Lola ist in Ost-Berlin geboren, ihr Vater macht rüber und geht in den australischen Dschungel. Sie wächst auf bei ihren jüdischen Großeltern und ist doch keine Jüdin im strengen Sinne. Ihre Großeltern haben den Holocaust überlebt, sie selber soll cool bleiben bei antisemitischen Sprüchen. Dagegen wehrt sie sich. Sie lebt in Berlin, sie reist nach Tel Aviv, wo im Sommer 2014 Krieg herrscht. Sie besucht ihren Großvater und ihren Geliebten, Shlomo, der vom Soldaten zum Linksradikalen wurde und seine wahre Geschichte vor ihr verbirgt. Lola verbringt Tage voller Angst und Glück, Traurigkeit und Euphorie. Dann wird sie weiterziehen müssen. Hartnäckig und eigenwillig, widersprüchlich und voller Enthusiasmus sucht Lola ihre Identität und ihr eigenes Leben.

Mirna Funk wurde 1981 in Ostberlin geboren und studierte Philosophie sowie Geschichte an der Humboldt-Universität. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin, unter anderem für »Der Freitag« und das »Zeit Magazin«, und schreibt über Kultur, Lifestyle und Kunst. Sie lebt in Berlin und Tel Aviv. Im Sommer 2014 berichtete sie für das Magazin »Interview« aus Israel und von ihrem dortigen Leben im Ausnahmezustand. 2015 erschien ihr Debütroman ›Winternähe‹, für den sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis 2015 für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet wurde.

Leseprobe

Weitere Menschen schoben ihre Stühle um Lolas und Tonis Tisch und erklärten, wie sie das mit den Juden und den Deutschen so sahen. Und wie sie das mit den Israelis und Palästinensern so sahen. Und alle glaubten, recht zu haben und vor allem sehr viel Ahnung von dem, was sie sagten. Eine Dreiviertelstunde später stürmte Benjamin rein, Das Trois Minutes war leergefegt, nur eine Traube um Toni und Lola herum waren übrig geblieben. Lola sah Benjamins lange schwarze Haare und wie diese von seinem schnellen Gang nach hinten geweht wurden und seine ultrakrasse North-Face-Jacke, die aussehen liess wie ein Mitglied einer Antarktis-Expedition.(...) Benjamin Liebermann war Künstler, entstammte einer jüdischen Ärztefamilie, war in Berlin-Charlottenburg aufgewachsen und verliess für zweiundsiebzig Stunden nicht mehr Lolas Wohnung. Benjamin und Lola erzählten sich in diesen zeitlosen Tagen von ihren Analytikern, die sie beide seit ihrem achtzehnten Lebensjahr besuchten, tauschten die Geschichten ihrer Familien aus und machten komischen Sex, den Juden aus den Stalag-Heften kannten und alle anderen aus "Fifty Shades of Grey". Und als sich das alles irgendwann viel zu nahe und viel zu richtig anfühlte, sprang Benjamin aus dem Bett, regte sich in einem übertriebenen Monolog über Lolas Kunst und Einrichtung auf, berichtete von seinen anderen Affären und zog sich parallel dazu an Als er Lolas Wohnung verliess, versicherte er ihr, eigentlich in eine andere Frau verliebt zu sein.
Benjamin nahm sich einen Stuhl, stellte ihn neben Lola, die schweigend dem Spektakel folgte, und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Und weil Lola sowieso schon mindestens eine Flasche Riesling getrunken hatte und weil es auf keine der diskutierenden Fragen eine richtige Antwort gab, rutschte sie langsam und unauffällig von ihrem Stuhl, krabbelte unter den Tisch, hockte sich vor Benjamin, öffnete den Reissverschluss seiner schwarzen Jeans und nahm seinen halbsteifen Penis in den Mund. Und je härter er wurde, desto weniger hörte sie die Wörter, die am Tisch aus den Mündern der Gesprächsteilnehmer kamen: Palästinenser, Halbjuden, Mauer, Gaza, Nabka, Hitler, Zionisten, Antisemiten, Broder, Netanjahu, Biller, Herzl. Göhring, KZ, Jude, Westbank und Lager. Diese furchtbaren Wörter wurden in furchtbare Sätze gepresst. Aus einer kaum zu fassenden Hysterie heraus und penetranten Unwissenheit. Und je öfter sie aus diesen furchtbaren Wörtern furchtbare Sätze bildeten, desto bedeutungsloser wurde das Gesagte. Zugleich war es doch gerade die Schwere der Bedeutung, die keiner mehr auszuhalten schien. Auch Lola hielt das alles nicht mehr aus. Schon lange hielt sie nichts von dem Gesagten mehr aus. Und als Benjamin in ihrem Mund gekommen war, kroch Lola unter dem Tisch hervor, griff nach ihrem Mantel und verliess das Restaurant.

Mirna Funk
Winternähe
Fischer Verlag, 343 Seiten
ISBN: 978-3-10-002419-0

Autor/in: Nora Zukker