Gian-Marco Schmid: Autobiografie als Roman getarnt

Gian-Marco Schmid hat sich als Rapper Gimma einen Namen gemacht. Und nie ein Geheimnis drum, dass er ein schwieriges Leben hatte. Schauplatz seines zweiten Buches ist die Psychiatrie. Und es sei ein Roman. Was wir ihm nicht ganz glauben, weil doch alles sehr nahe an seinem eigenen Leben spielt.

Nora Zukker & Gian-Marco Schmid
Bildlegende: Nora Zukker & Gian-Marco Schmid SRF 3

Das eigene Leben in Fiktion verpackt

Für das zweite Buch will sich Gian-Marco Schmid aus der Affaire ziehen. Auch wenn eigentlich alle Geschichten sein eigenes Leben abbilden, hat er zwei fiktive Figuren erfunden und erzählt aus der Perspektive des Ich-Erzählers Herr Kill. Aber das vergisst man sehr schnell wieder, weil man doch bei fast jeder Episode, sei es eine Drogeneskapade, Gewaltsituation oder Gespräch aus der Ergotherapiegruppe in der Psychiatrie, an das Leben von Gian-Marco Schmid denken muss. Er hat als Rapper Gimma kein Geheimnis drum gemacht, dass er verdammt viel erlebt hat. Konsequenter wäre es also gewesen auch das zweite Buch als Autobiografie zu bezeichnen.

Erster Rausch in der Primarschule

Als kleiner Junge wurde bei ihm zu Hause viel geraucht. Gian-Marco Schmid hat davon Asthma bekommen und dafür einen Ventolinspray. Dann hat er aus Langeweile mehr davon genommen, als vorgeschrieben und bereits in der ersten Klasse der Primarschule war er richtig abhängig davon. Viele Jahre später sind wir dann in der Psychiatrie. Und davon handelt die Geschichte im zweiten Buch «40» von Gian-Marco Schmid. Der Ich-Erzähler hat 40 Kilo feinstes israelisches Mephedron importiert. Kellerverkauf. Raum mit Videogames, Sofa, Kühlschrank. Nebenbei schrieb er Musik und feierte. Mit Drogen und Frauen. Und wegen dieser Parties geht es ihm jetzt richtig mies. 40 Tage Reha.

Hochdeutsch kann der Bündner & sein Image pollieren auch

Gian-Marco Schmid kann Hochdeutsch. Sein erstes Buch war in Churerdeutsch geschrieben, was ich sehr gefeiert habe. Aber im zweiten Buch beweist er, dass er wirklich schreiben kann. Kurze starke Sätze, die einfahren, wie ein guter Schnaps. Eindrückliche Bilder von Menschen, die neben der Spur sind gehen in die Knochen. Und auf Frauengeschichten verzichtet der Autor in diesem Buch mehr oder weniger. Und das ist auch gut so. Und wenn, dann wird er von den Frauen verlassen. Das macht er um sein Image zu pollieren, weil man ihm nach dem ersten Buch Sexismus vorgeworfen hat. Man hat ihn da falsch verstanden, eigentlich kann er doch niemandem etwas zu leide tun.

Leseprobe

Zuerst bemerkt man nur den Pflegemenschen, der zu schnell den Gang runter kommt, nichts und niemanden eines Blickes würdigt, ausser die Stationstür. Er geht in den Raum zu den anderen Pflegern, es wird schon bei halboffener Tür erregt laut. Ich stehe neben die Tür, horche. Die Patientin hat offenbar Glas gehortet. Tanja. So heisst die Geile. Was bedeutet überhaupt Glas gehortet? Wir sind hier auf einer geschlossenen Abteilung, es gibt gar kein Glas... oh! In diesem Moment rennen bereits mehrere Pfleger den Gang herunter und nach links zu den Doppelzimmern. Ich folge. Zu neugierig. Tanja steht im Gang. Kotverschmiert im Gesicht und an den Händen. Sie trägt einen
grünen, Pullover, den sie selbst gestrickt hat. An den überlangen Ärmeln, die schlaff über die Hände gehen, tropft langsam und
dick Blut auf den Boden, viel zu dunkles Blut. Tanja steht ganz hinten im Gang bei der Glastür zur benachbarten Abteilung, wo nie jemand durchgeht. Diese Tür hat keinen Sinn. Wir kommen jetzt um die Ecke und bleiben vor diesem imposanten Bild stumm
stehen. Tanja weint nicht, sie grinst. Sie ist verschmiert, sie stinkt, sie blutet, sie trägt nur diesen Pullover und ein Höschen. Das Bild ist zuviel. An ihren Beinen erkenne ich geometrisch abgestimmte rote Streifen, die tropfen auch, ihr Höschen ist blutrot.

Selbst die Pfleger sind in diesem Moment überfordert, sie diskutieren wegen des Alarms, der durch eine Fernbedienung von der Stationsleiterin ausgelöst wird. Noch während die Pfleger über das erste Geräusch des viel zu harmlosen Alarmtons sinnieren, zieht Tanja den Pullover aus, seelenruhig. Keiner reagiert. Da steht sie, nackt, und zieht etwas Glänzendes aus ihrem Schlüpfer. Eine Glasscherbe. Sie hat Glas gehortet. Sie nimmt die Scherbe vor unseren Augen an die Bauchdecke und zieht einmal kräftig durch. Erst schiesst Blut, dann quellen fleischfarbene Wölbungen hervor, sie kreischt lachend vor Stolz und sackt in sich zusammen. Jemand kotzt, alle schreien, Pflegepersonal stürzt nach vorne. Ich höre noch, wie sie von Tod und Teu fel schreit. Setze mich in eine Ecke. Warte. Zeit vergeht. Immer mehr Pflegepersonal kommt hektisch durch die Sicherheitstüre, will sehen, was los ist, wird laut, fasst sich, geht wieder, kommt wieder, rennt ins Stationsbüro. Ein Ameisenvolk von Leuten mit Namensschildern und Kitteln. Der erste Assistenzarzt kommt spät. Nach 30 Minuten ist der Krankenwagen da. Tanja schreit immer noch, man hrt sie fortwährend, es hört nie auf, wie Luft und Wasser. Eine Bahre wird abtransportiert, Patienten beruhigt. Ich werde Tanja nie wieder sehen. Rocco setzt sich zu mir. Wir schweigen. Wo er herkommt, weiss ich nicht. Aber hin kann er nirgends. Also sitzen wir da und tun nichts. Irgendwann gibt es Nachtessen. Ich bin nicht besonders hungrig, esse aber auch den Teller von Tanja leer, der angeschrieben ist. Dann gehe ich kotzen und heulen.

Am Freitag 25. November ist die Buchtaufe im VIVA Club Chur.

Am Montag 28. November ist Gian-Marco Schmid mit seinem neuen Album «Megaschwiizer» bei Hana Gadze im Punkt CH.

40
Gian-Marco «Gimma» Schmid
ISBN: 978-3-033-05962-7

Autor/in: Nora Zukker