Humor aus Berlin: «Über Arbeiten und Fertigsein»

Wenn die vier Männer der Lesedüne gemeinsame Sache machen, dann führt das zu absurd-komischen und umwerfend-poetischen Geschichten. Wer sie nicht live in Berlin sehen kann, muss dieses Buch lesen. Es ist nicht nur für Kängurus, Heldinnen, Eltern, Touristinnen, Vegetarier und Piccoloflötistinnen.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Die Lesedüne kehrt mit einem neuen Programm zurück: Es geht um Arbeit. Oder um das, was die vier Lesebühnenautoren dafür halten. Zum Beispiel: sich um kommunistische Kängurus kümmern, sich um seine badischen Eltern kümmern, sich um seine sächsischen Prollkumpels kümmern, sich um sich selbst kümmern. «Über Arbeiten und Fertigsein» ist eine kleine Fehde gegen die neoliberale Gesellschaft mit den Mitteln des real existierenden Humors.

Die Lesedüne gibt es seit zehn Jahren. Sie ist eine Lesebühne. Alle zwei Wochen findet sie im SO36 in Berlin-Kreuzberg statt. Dort lesen die vier Autoren Texte vor und singen Lieder. Jeder von ihnen besitzt besondere Features: Marc-Uwe Kling ist berühmt und hat Migräne. Julius Fischer ist dick und hat eine Fernsehsendung im MDR. Sebastian Lehmann ist klein und schreibt Bücher, die keiner liest. Maik Martschinkowsky ist.

Leseproben

Ich mag Hamburg. Jeder Mensch mag Hamburg. Ich könnte auch sagen: Ich mag Schokolade. Jeder Mensch mag Schokolade. Obwohl, wer weiss, es gibt bestimmt auch seltsame Leute, die Schokolade eklig finden und lieber Selleriestangen und rohen Lauch essen, wenn sie sich mal was gönnen wollen. Das sind solche Menschen, die ihren Kindern auch ausschliesslich kalten Tee zu trinken geben. Oder an Silvester schon um halb elf müde werden, aber ohnehin Feuerwerk doof finden wegen der Luftverschmutzung und im Supermarkt lieber Brot statt Böller kaufen und es dann nicht lustig finden, wenn besoffene Freunde das Brot um zwölf in die Luft werfen. Oder Knaller reinstecken, sodass das Vollkorn-Dinkel-Haselnuss-Ciabatta schön explodiert. Solche Menschen trinken auch Radler mit alkoholfreiem Bier. Oder hören Adele, weil die "so eine schöne Stimme" hat. Ausserdem ist die ja "so authentisch". Weil sie dicker ist als Lady Gaga, oder was? Ist dann Sigmar Gabriel auch authentisch? Oder Julius Fischer? Julius Fischer, Adele der Lesedüne. Sigmar Gabriel, Adele der deutschen Politik. Leute, die Adele gut finden, gucken bestimmt auch gerne Filme mit Sandra Bullock. Mein Lieblingsfilm ist der, in dem Sandra Bullock eine Sozialarbeiterin spielt, die sich rührend um ein armes, dickes, schwarzes Mädchen kümmert, das von seinem Vater missbraucht wird, Aids hat und drogensüchtig ist. Da haben sich die Filmemacher mal gedacht: Schwarz, fett und arm ist ja schon scheisse, aber reicht das? Lieber noch Aids und Kindesmissbrauch dazu - und zur Sicherheit auch ein paar Drogen. Zum Glück gibt es Sandra Bullock. Die ist übrigens weiss, dünn und reich. Leute, die solche Filme gut finden, hassen bestimmt auch Hamburg, um wieder zum Thema des Textes zurückzukehren. (Aus "Hamburg" von Sebastian Lehmann)

 

Wir laufen vom Schlesischen Tor nach Hause. "Was machen wir heute Abend? frage ich. "Du baust ne Tüte, ich mixe White Russians, wir schauen The Big Lebowski und gehen danach bowlen", sagt das Känguru. "Guter Plan, wa?" - "Das ist kein guter Plan", sage ich. "Das ist ein grossartiger Plan. Das ist ein bekackt genialer Plan, den solltest du einrahmen. Der ist so genail wie eine Schweizer Uhr." - "Müssen wir nur noch kurz einkaufen gehen." Gleich nach Betreten der Brachfläche, die sich irreführenderweise Görlitzer Park nennt, nähert sich uns ein geschäftstüchtiger junger Mann. "Hey! Braucht ihr was?", fragt er. "Was bieten Sie denn feil?", fragt das Känguru. "Tupperware, Tefolnpfannen, Stabmixer", sagt der Mann. "Oh...", sage ich überrascht."Alter, war nur Quatsch!" sagt der Mann. "Ich verkaufe Drogen!" "Ah. Ach so", sage ich. "Auch nicht schlecht. Wir, äh, bräuchten was für einen Themenabend." "Scarface, Trainspotting, oder Fear and Loathing in Las Vegas?" - "Ich dachte eher an Big Lebowski", sage ich. (Aus "Der grosse Lebowski-Abend von Marc-Uwe Kling)

Über Arbeiten und Fertigsein
Bühne 36
Verlag Voland & Quist, 167 Seiten
ISBN: 978-3-863911-13-3

Autor/in: Nora Zukker