Letztendlich sind wir dem Universum egal

Du wachst jeden Tag in einem anderen Körper auf. Du kennst die Personen nicht, deren Leben du 24 Stunden lang lebst - die einen Menschen sind dir sympathisch, die andern nicht. Was nun? Gibst du dir Mühe, ihre Leben ins Lot zu bringen oder schaffst du Chaos?

David Levithan: Letztendlich sind wir dem Universum egal (Fischer)

Seit A - wie er/sie sich nennt, geboren wurde erwacht er/sie jeden Tag im Körper einer anderen jungen Frau oder einem jungen Mann in Amerika. Unterdessen weiss A viel über das Leben - zum Beispiel über Depressionen, Sporterfolge, die Beziehung zu Eltern, gleichgeschlechtliche Liebe und Druck in der Schule, denn er/sie hat alles schon erlebt.

A hat sich daran gewöhnt und stellt sein/ihr ungewöhnliches Dasein nicht in Frage. Bis A sich in eine junge Frau verliebt. Sie, Rhiannon, ist die erste Person, die A in sein Geheimnis einweiht. Man kann sich vorstellen, dass Rhiannon lange braucht, bis sie wirklich glaubt, was da passiert: Die Person, die in sie verliebt ist, und in die sie sich langsam auch verliebt, bleibt innerlich zwar immer der- oder dieselbe, sieht aber jeden Tag anders aus, ist heute Schönheitskönigin und morgen ein gewichtiger Footballspieler ...

Der Amerikaner David Levithan hat das reizvolle Gedankenspiel "was wäre, wenn ich jeden Tag eine andere Biografie hätte?" zu einer Geschichte ausgebaut, die unkompliziert zu lesen ist und mit einer (fast) unmöglichen Liebesgeschichte fesselt. Wetten, dass Hollywood diesen Roman bald verfilmt? 

Leseprobe:

6005. Tag 

(...) Kelsea Cooks Gedankenwelt ist ein finsterer Ort. Das weiss ich, noch bevor ich die Augen aufschlage. Es herrscht Unruhe darin, ein ständiges Aufeinanderprallen von Worten und Überlegungen und Impulsen. Meine eigenen Gedanken haben Mühe, sich in dem Getöse zu behaupten. Der Körper reagiert mit einem Schweissausbruch. Ich versuche ruhig zu bleiben, aber der Körper verschwört sich gegen mich, will mich unter Zerrbildern begraben. Normalerweise ist es nicht so übel, nicht gleich am frühen Morgen. Wenn es jetzt schon so ist, muss es auch sonst ziemlich übel sein. Unter den Zerrbildern ist ein verzweifelter Wunsch nach Schmerz. (...) Zwei Stunden später stehe ich auf. Manche vergleichen Depressionen mit einer schwarzen Wolke, andere mit einem schwarzen Hund. Für jemand wie Kelsea trifft die Metapher von der schwarzen Wolke zu. Die Wolke umgibt sie, begräbt sie in sich, und es ist kein Ausweg in Sicht. Kelsea müsste versuchen, sie einzugrenzen, bis sie die Gestalt eines schwarzen Hundes hat. Der wird ihr immer noch auf allen ihren Wegen folgen, wird immer da sein. Aber zumindest getrennt von ihr, an der Leine. 

David Levithan: Letztendlich sind wir dem Universum egal
Fischer Verlag, 400 Seiten
I
SBN: 978-3-8414-2219-4

Autor/in: Tanja Kummer