Liesegang und Jedermann

Zwei Männer. Tot. Schon zu Beginn der jeweiligen Romane. Im neuen Buch des gebürtigen Schaffhausers Ralf Schlatter ist es Alfons Liesegang, 62, Seismologe. Soeben im Himmel angekommen, soll er einem Engel sein Leben erzählen.

Ralf Schlatter: Sagte Liesegang (Limbus)
Bildlegende: Ralf Schlatter: Sagte Liesegang (Limbus)

Der Clou: So lange wie er erzählt, so lange darf er nachher noch einmal zurück auf die Erde.

Ralf Schlatter: Sagte Liesegang

Liesegang beginnt zu reden, erzählt vom Vater, der nach einer innerlichen Explosion über die Jahre aus dem Leben verblasst, von der Mutter, die Mann und Sohn verlässt. Liesegang ist ein grosser Erzähler, mit Witz in den Worten, manchmal ist es Galgenhumor. Poetisch leicht schildert Liesegang die Ereignisse aus einem Leben, einem Leben, in dem er meist Teilnehmer und selten Akteur war. Ein Buch wie ein Handschmeichler aus Kristall: Er ist griffig, gibt Wärme ab, tut wohl; man entdeckt immer anderes, wenn man ihn sich genauer anschaut.

Philip Roth: Jedermann

Das Leben von Jedermann - der Hauptfigur im gleichnamigen Roman - ist auf 172 Seiten erzählt. Ein schmaler Band des amerikanischen Literaturschwergewichtes - und ein Buch, das kein Leser, keine Leserin jemals wieder vergessen wird. Lesen soll es, wer die Auseinandersetzung mit seinem eigenen Leben nicht scheut! Denn hier singt die Erzählstimme immer denselben Refrain: Wir haben alle ein einziges Leben, gehen von der Wiege ins Grab, den einen ist dafür mehr, den anderen weniger Zeit beschieden. Was ist in dieser Zeit wirklich wichtig? In nüchterner Art und mit philosophischen Kurven berichtet der grosse Zyniker Roth vom Leben seines Jedermann.

Leseprobe aus Jedermann, Seite 17:

Mit Hokuspokus über Tod und Gott und obsoleten Himmelsphantasien hatte er nichts zu schaffen. Es gab nur unsere Körper, geboren, um zu leben und zu sterben nach Bedingungen, geschaffen von Körpern, die vor uns gelebt hatten und gestorben waren. Falls man überhaupt von ihm sagen konnte, er habe für sich eine philosophische Nische gefunden, dann war es das - er war früh und instinktiv darauf gestossen, ein ebenso simples wie komplettes Weltbild. Sollte er jemals eine Autobiografie schreiben, würde sie heissen: Leben und Tod eines männlichen Körpers. Aber im Ruhestand hatte er versucht, Maler zu werden und nicht Schriftsteller, und so gab er diesen Titel einer Reihe seiner abstrakten Bilder.

Philip Roth: Jedermann
Hanser Verlag, 172 Seiten
ISBN: 978-3-446-20803-2

Leseprobe aus Sagte Liesegang, Seite 54:

Was weiss ich sonst noch aus diesen Jahren? Lärm bleibt in meiner Erinnerung und Zimt - Lärm, wenn Vater zu Hause war, das Steingeklopfe im Keller, wenn e seine Fundstücke mit dem Geologenhammer zertrümmerte, Lärm während des Abendessens, wenn das Radio in überhoher Lautstärke lief, als wollte Vater damit die Wortlosigkeit seiner Steine kompensieren Musik und Nachrichten füllten den Raum aus und wehe, man sprach dazwischen, wehe man richtete das Wort im falschen Moment an ihn, da kam die Eruption über ihn, dass die Teller auf dem Holztisch klirrten, und damals kam die Sehnsucht nach Stille in mir auf und ich erinnere mich, dass ich (...)

Ralf Schlatter: Sagte Liesegang
Limbus Verlag, 198 Seiten
ISBN: 978-3-902534-90-3

Autor/in: Tanja Kummer