Mord in Switzerland

Einmal morden bitte! Lautete der Auftrag der beiden Schweizer Obercrimerinnen Devi und Ivanov. Und so wetzten 16 einheimische Autorinnen und Autoren die Griffel und liessen ihren blutrünstigen Gedanken freien Lauf.

Mord in Switzerland
Bildlegende: Mord in Switzerland

Petra Ivanov und Mitra Devi haben viele Gemeinsamkeiten: Beide leben in Zürich, publizieren Krimis und zwar in den selben Verlagen und kennen sich in der Krimiszene aus. Nun veröffentlichen sie zusammen eine Anthologie. «Die Idee zu diesem Buch entstand während einer Zugfahrt» schreiben sie im Vorwort. «Wir fragten uns, wie es im idyllischen Einfamilienhaus am Waldrand wirklich zuging. Ob die alte Dame mit dem Tulpenstrauss tatsächlich gutes im Sinn hatte. Warum der Bauer reglos auf seinem Traktor sass und auf den Acker starrte.»

Sie fragten Autorinnen und Autoren an, ob sie Kurzkrimis schreiben würden, die in der Schweiz spielen und erhielten viele Zusagen. Bei der Auswahl der Texte, seien sie von den Orten ausgegangen, erzählt Mitra Devi. «Wir wollten, dass die ganze Schweiz beteiligt ist, nun fehlen drei Kantone in der Westschweiz und leider das Tessin. Aber wer weiss, vielleicht gibt es einen zweiten Band, in dem dann alle Kantone vorkommen».

Der erste Lesehunger lässt sich mit «Mord in Switzerland» stillen. Erzählt wird von Lausanne bis nach Kreuzlingen, Stationen sind zum Beispiel Gais, Stans, Schaffhausen, Rodels, Glarus oder Wollerau. Deutschschweizweit (zum Beispiel Milena Moser oder Peter Zeindler) und regional bekannte Autoren (darunter Christina Casanova oder Philipp Probst) schildern unterschiedliche Mordszenarien, brutal bis melancholisch, ironisch oder gar zum Schreien komisch. Aufbau und Spannungsgehalt variieren. Bei einigen Krimis wirkt die Auflösung uninspiriert, aber die meisten Texte bestechen. Sei es durch vielschichtige Figuren, den Mut zur Fantasie oder dem Talent, entspannt und gleichzeitig bildstark facettenreiche Geschichte zu erzählen. Peter Hänni und Andrea Weibel glänzen mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch genau so wie in ihren eigenen Krimipublikationen, die bei Cosmos in Bern erscheinen.

«Mord in Switzerland» ist das perfekte Buch, um sich ein Bild vom gegenwärtigen Schweizer Krimischaffen zu machen. Auch Petra Ivanov und Mitra Devi haben dem Buch Texte beigesteuert. Mitra Devi (die am 1. März für ihren Krimi «Der Blutsfeind» den Zürcher Krimipreis erhalten hat) überzeugt einmal mehr mit Humor und Scharfsinn, Petra Ivanov, deren zehnter Krimi «Leere Gräber» letztes Jahr auf der Schweizer Bestsellerliste war, mit ihrem Faible für politische Themen.

Leseprobe aus Mitra Devis Text «Luzern - Chicago»:

Zwei Stunden vor dem ersten und letzten Mord, den Julia je in ihrem Leben begehen würde, löste sich ein Minischneebrett von einem Hausdach und landete auf ihrer scharchlachroten Dauerwelle. Verärgert wischte sich Julia den Schnee vom Kopf. Hunderte dick vermummter Passanten, die sich genauso gut als Landeplatz für heimtückische Stadtlawinen angeboten hätten, stapften unbehelligt die Luzern Hertensteinstrasse entlang durch den Matsch - doch Julia kriegte die weisse Ladung ab. Wieder einmal war sie getroffen worden. Und nur sie.

Mitra Devi & Petra Ivanov (Hrsg.): Mord in Switzerland
Appenzeller Verlag, 287 Seiten
ISBN: 978-3-85882-653-4

Autor/in: Tanja Kummer