Pedro Lenz brilliert mit seiner neusten Kolumnensammlung

In der neuen Kolumnensammlung «Der Gondoliere der Berge» windet der Erfolgsschriftsteller den guten Geistern aller möglichen Berufsgattungen ein Kränzchen. Für einmal nicht in Mundart.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Mit Zipfelmütze und Faserpelzjacke statt Strohhut und T-Shirt, so begleiten uns die Gondolieri der Berge auf den Fahrten zum Gipfel. Aber auch Kioskfrauen, Staplerfahrer, Nachtportiers, Nagelsammler, Fensterreiniger, Floristinnen, Minibar-Piloten, Museumswärter, Tunnelbauer, Taxifahrer, Kassiererinnen, Ehrenmitglieder, Brieföffner, Garderobieren, Strandarbeiter, Handlanger und Buchhändlerinnen treten im neuen Buch auf – sie alle und viele mehr hat der Bestsellerautor und gelernte Maurer Pedro Lenz in seinen Kolumnen unter dem Titel «Arbeitskraft» für die NZZ charakterisiert. In seinen liebevollen Porträts lenkt er unseren Blick auf deren Arbeit, auf das, was wir oft kaum noch wahrnehmen, weil wir uns so sehr daran gewöhnt haben.


Leseprobe

Der Museumswächter gehört zu den Menschen, die nur nach innen lachen und dabei ein ernstes Gesicht wahren. Trotzdem spürt man die Lust, mit der er seine Theorie ausbreitet. «Früher wurde hier völlig anders geschaut. Da kamen die Menschen und hielten Kataloge in der Hand. Dann schauten sie, ob sie die aufgehängten Bilder im Katalog finden, und verglichen ihr mitgebrachtes Wissen mit dem, was sie hier sahen. Hin und wieder wurde ich nach einer Jahreszahl oder nach einem Titel gefragt. Seit jede und jeder einen kleinen Fotoapparat mit sich herumträgt, werde ich nicht mehr wahrgenommen, weil ich kein Fotosujet bin. Achten Sie zum Beispiel auf die Dame im grünen Kleid. Haben Sie gesehen, mit welcher Konsequenz sie die Bilder nicht direkt anschaut? Sie glaubt nicht an das, was sie sehen könnte. Sie fotografiert und schaut dann ins Display ihres Geräts. Erst wenn das Bild im Display erscheint, wird es für sie sichtbar. So wie sie machen es fast alle hier. Zu Hause könnten sie dann den ganzen Museumsbesuch mithilfe der gesammelten Bilder noch einmal durchgehen Wir fragen den Museumswärter, ob ihn die Entwicklung betrübe. «Anfangs hatte ich Mühe damit», sagte er, «inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Ich denke an Dali und stelle mir vor, wie er vom Himmel auf all die knipsenden Bilderjäger sieht und voller Mitleid die Augenbrauen hebt.» Der Museumswärter hebt zur Illustration eine seiner buschigen Brauen. Es hätte ein lustiges Foto gegeben.

Pedro Lenz
Der Gondoliere der Berge
Cosmos Verlag, 136 Seiten
ISBN: 978-3-305-00467-6

Autor/in: Nora Zukker