Schlieren Calling!

Bänz Friedli ist Extrempendler und ein virtuoser Erzähler. Die besten Geschichten liegen auf der Strasse. Oder eben im Zug. Sein neues Buch ist vielversprechend und kurzweilig. Unbedingt lesen - auf die Gefahr hin, dass ihr vergesst auszusteigen. 

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

In seinem neuen Buch erzählt Bänz Friedli wahre Eisenbahngeschichten, schreibt über Stellwerk- und andere Störungen. Neu ist, dass seine nächtlichen Fahrten oft von Wehmut durchweht sind, die Texte auf Schienen sind nachdenklicher geworden, versöhnlicher auch. Kein geringerer als Peter Bichsel hat ein Vorwort für Bänz Friedli geschrieben. Und Peter Bichsel, der Altmeister der kleinen Form, bemerkt im Vorwort: Ich staune immer wieder, wie selbstverständlich Bänz Friedli das tut: Er stellt sich hin und erzählt. Sein Erzählen ist geradlinig und ohne Schnörkel, seine Pointen sind nicht konstruiert, nicht er selbst macht sie, sondern seine Erzählung, seine Pointen sind nicht einfach witzig, sondern folgerichtig und deshalb nicht eitel.

Friedlis "Pendlerregeln" in der Pendlerzeitung "20 Minuten" waren Kult, das vergriffene Buch "Ich pendle, also bin ich" ein Bestseller. Nun kehrt Friedli zu seiner ersten Liebe zurück, der Eisenbahn, und schreibt über Stellwerk- und andere Störungen. Das Buch enthält Kolumnen, die Friedli für das BLS-Magazin "Streifzug" verfasst hat, Unveröffentlichtes und einige Perlen aus den früheren "Pendlerregeln". Mal rotzfrech, mal versonnen, breitet der Fahrtenschreiber Friedli ein Universum an Gefühlen aus. Ein Buch für unterwegs und für die Kopfreisen daheim in einer warmen Ecke.

Meine Lektüreempfehlung: Das Buch unbedingt unterwegs lesen. Wie ich während meiner Umwege von Urdorf über Schlieren nach Zürich, wegen Gleisbauarbeiten. Und dazu: Bänz Friedlis Playlist mit den Songs, die ihn beim Schreiben der Geschichten begleitet haben. Da findet man wunderbare Perlen. Was will man mehr: Geschichten & Musik! Und Achtung: Man kann Gefahr laufen, nicht rechtzeitig auszusteigen, aber hey, das lohnt sich sehr bei diesem Buch!

Leseprobe: Maybe Baby

Wie oft sind Sie schon an Olten vorbeigefahren , im Leben? Was heisst "vorbeifahren"? Man fährt ja mittendurch, denn es gibt ein links- und ein rechtsufriges Olten, die Aare fliesst hindurch - und mittendrin steht der Bahnhof. "Meine Damen und Herren, wir treffen in Olten ein." Aber man trifft nie ein, man macht nur kurz Halt. Fast jede längere Zugreise in diesem Land führt irgendwie über Olten und doch dran vorbei. "Via Olten", steht auf dem Billett. Wir sind hier unter uns Bahnreisenden, nicht wahr? Und welcher Bahnreisende wäre nicht schon...? Eben: Olten. Da fährt jeder durch. Täglich sind es über dreihunderttausend Leute in tausendeinhundert Zügen. Sie! Das sind einhundertneuneinhalb Millionen Menschen pro Jahr, vierzehnmal die gesamte Schweizer Bevölkerung. In Olten, ich habs ausgerechnet, muss ich schon über sechstausendmal vorbeigefahren sein. Aber ausgestiegen? Nie. Steigt man dann, aus Versehen oder weil man muss oder weil es einen wundernimmt, doch mal aus in Olten, sieht man lauter Dinge, die es eigentlich nicht mehr gibt. Man fährt mit dem 512er Bus ins Gäu, und die Automatenstimme kündigt Phantomhaltestellen an "Hammer", "Usego", das war einmal. Namen und Firmen von früher, Fabriken, Beizen, die es mal gab. "Hammer" - war das nicht ein Film, den man als junger Trübel mal an den Solothurner Filmtagen sah, über die letzten Tage eines alten Hotels, das gesprengt werden sollte? Mit einem irrlichternden Kellner, der die Vergangenheit nicht loslassen mochte? Olten, vertäut in einer ungefähren Vergangenheit. "Kleider Frey, Halt auf Verlangen." Keiner verlangts. Garagen, Industriebauten, vorbeifliegende Schatten nur, Leuchtschriftzüge, undeutlich beim Eindunkeln. Mittelland rundherum, unwirkliches Kreiselland, Autobahnland, Durchzugland, Verteilcenterland. Wie ein Hohn hört sich die nächste Haltestelle an: "Gässli". Denn hier ist kein Gässli, hier ist nur Landstrasse, nur Drive-Thru, Autozubehör en gro, Tankstellenshop, nur betonierte Überlandschweiz. Olten ist wie eine Postkarte aus vergilbten Tagen, leise betrüblich. Keine Planeten am Planetenweg, und an der Hornussenstrasse hornussen sie längst nicht mehr, das weite Feld ist mit einer Überbauung überbaut. Und will man schliesslich spätnachts, von Egerkingen her kommend, in Olten noch etwas trinken, vevor einen auf Gleis 7 der Intercity mitnimmt, hat das „Flügelrad schon zu, das Bahnhofbuffet sowieso. Nur im nahen Hotel „Amaris lässt sich die Frau an der Theke, die gerade dichtmachen wollte, zu einem letzten Bier überreden. Darob gerät man mit ihr ins Plaudern. Aus Berlin komme sie, erzählt sie und sagt „icke, wenn sie ich sagt. Sie haben sich in einen Schichtarbeiter aus Selzach verliebt, drum sei sie hier. Nach Feierabend muss sie noch heim zu ihm fahren mit dem Auto. Zug fährt keiner mehr. Sie klagt über die Arbeitszeiten, würde lieber Saxofon spielen als Bier zapfen, wünsche sich eigene Kinder. Sie nennt das etwas salopp „Familienplanung meints aber feiner. Vielleicht denkst du später auf dem Perron, bibbernd vor Kälte, vielleicht wäre Olten ja ein Ort zum Bleiben? Am Automaten gibts nur blöde Nüsschen zu kaufen, Schokoriegel. Und einen Schwangerschaftstest für 15 Franken. Marke „Maybe Baby. Und du wünschst dir insgeheim, der Schichtarbeiter aus Selzach möge noch wach sein, wenn die Thekenfrau nachts um zwei nach Hause kommt.

Bänz Friedli
Und er fährt nie weg
Mit einem Vorwort von Peter Bichsel
Knapp Verlag, 210 Seiten
ISBN 978-3-906311-01-2

 

«Gömmer Starbucks», Bänz Friedli live 2015

«Es bärndütsches Navi», Bänz Friedli

Autor/in: Nora Zukker