«Vom Ende der Einsamkeit» - der neueste Wurf von Benedict Wells

Lange haben wir gewartet. Und es hat sich gelohnt. Benedict Wells legt mit seinem neuen Roman «Vom Ende der Einsamkeit» eine tiefschürfende Geschichte über den frühen Verlust der Eltern vor.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Benedict Wells kann es einfach. Das Schreiben. Wenn ich nach dem Lesen die Figuren vermisse, die ich während 350 Seiten begleiten konnte, dann ist das ein sehr, sehr gutes Zeichen. Die Fragen, die seinem neuen Roman «Vom Ende der Einsamkeit» zugrunde liegen, sind ernst. Ernst, schwer, aber unumgänglich.

»Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind: Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.«

Jules und seine beiden Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben kommen. Als Erwachsene glauben sie, diesen Schicksalsschlag überwunden zu haben. Doch dann holt sie die Vergangenheit wieder ein. Ein berührender Roman über das Überwinden von Verlust und Einsamkeit und über die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist. Und vor allem: eine grosse Liebesgeschichte.

Jules und seine Geschwister Marty und Liz sind grundverschieden, doch ein tragisches Ereignis prägt alle drei: Behütet aufgewachsen, haben sie als Kinder ihre Eltern durch einen Unfall verloren. Obwohl sie auf dasselbe Internat kommen, geht jeder seinen eigenen Weg, sie werden sich fremd und verlieren einander aus den Augen. Vor allem der einst so selbstbewusste Jules zieht sich immer mehr in seine Traumwelten zurück. Nur mit der geheimnisvollen Alva schliesst er Freundschaft, doch erst Jahre später wird er begreifen, was sie ihm bedeutet – und was sie ihm immer verschwiegen hat. Als Erwachsener begegnet er Alva wieder. Es sieht so aus, als könnten sie die verlorene Zeit zurückgewinnen, doch dann holt sie die Vergangenheit wieder ein.

Die Waisenkinder in der Literatur
Batman, Tarzan, Heidi und Harry Potter. Sie alle tragen den Schmerz aus der Kindheit unter der Brust. Das Alleingelassenwerden in diesen Jahren, die so sehr wichtig sind, dass einem Mut gemacht wird, in die Welt hinauszugehen. Es ist ein klassisches Motiv. Der Verlust der Eltern in der Kindheit. Benedict Wells nimmt sich diesen grossen und wichtigen Fragen an. Und gerade wenn es um Themen geht, wie Verlust und Einsamkeit, dann muss dafür eine Sprache gefunden werden. Eine Sprache, die dem Unaussprechlichen gerecht wird. Wenn ich Sätze wie diesen lese

»Und sobald jemand Gefühle für sie entwickelte, hatte sie ihn schnell verstossen. Als wäre etwas in ihr zu Scherben zerfallen, die jeden verletzten, der ihr zu nahe kam.«

dann hallt er in mir nach. Es ist nur einer der vielen Sätze, die man sich auf einen Zettel schreibt und wieder liest.

Benedict Wells erzählt die Entwicklungsgeschichte seines Ich-Erzählers Jules über eine Zeitspanne von über dreissig Jahren. Nie zweifle ich daran, dass die Figuren nicht dem Alter entsprechend handeln und fühlen. Das ist die hohe Kunst von Benedict Wells. Der selbst eigentlich erst 32ig ist und Figuren und mit einem Innenleben erschafft, dass man kurz innehält und denkt, woher hat der junge Mann all diese Weisheit her.

Die Playlist von Benedict Wells zum Buch
1. Paolo Conte – Via Con Me
2. I Am Kloot – I Still Do
3. Nick Drake – Place To Be
4. Elephant Revival – Down To The Sea
5. Fleetwood Mac – Landslide
6. Maxence Cyrin – Where Is My Mind
7. Villagers – The Waves (Live Version)
8. Elliott Smith – Between The Bars
9. Dave Brubeck – Take Five
10. Talking Heads – This Must Be The Place (Naive Melody)
11. Townes Van Zandt – Fare Thee Well, Miss Carousel
12. Owen Pallett – E Is For Estranged
13. The Velvet Underground – Heroin
14. Patty Griffin – Moon River
15. Fiona Apple – Across The Universe


Benedict Wells
Vom Ende der Einsamkeit
Diogenes Verlag, 368 Seiten
ISBN 978-3-257-06958-7

Autor/in: Nora Zukker