Von der Zeitungsmeldung zum Roman: «Fallen» von Sandra Hughes

Die Schriftstellerin Sandra Hughes hat einen Roman geschrieben, der auf einer echten Geschichte basiert. Ein Junge bricht zusammen. Niemand hilft. Diagnose: Hirnschlag. «Fallen» erzählt eindrücklich von diesem traumatischen Moment, der ein Leben in ein Vorher & ein Nachher trennt.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Der Fall von Aesch - alle sahen weg

Die Allschwiler Schriftstellerin Sandra Hughes veröffentlicht einen Roman, der auf einem Bericht der Schweiz am Sonntag basiert. Die Bilder der Überwachungskamera bei der Aescher Kantonalbank brachten das Unglaubliche ans Tageslicht: Der 15-Jährige, der auf dem Sprung in die Ferien war, stand vor dem Bankomaten. Plötzlich wurde ihm schwindlig und er brach zusammen. Die Kameras dokumentierten noch, dass er sich an den Kopf fasste, bevor er zusammenbach. Ein Mann beobachtete den Sturz. Doch statt zu helfen, hob er seelenruhig Geld ab und machte sich aus dem Staub, wie die Schweiz am Sonntag berichtet. Die Überwachungskameras filmten zehn weitere Personen, die achtlos neben dem Jugendlichen vorbeigingen, Geld abhoben und weitergingen. Erst nach einer Stunde alarmierte einer den Notruf. Der Junge konnte nicht sprechen – er war durch den Hirnschlag halbseitig gelähmt. Die unterlassene Hilfeleistung ist im Fall von Aesch besonders dramatisch, weil es dem Jungen heute bedeutend besser gehen könnte, hätte er nicht eine volle Stunde unbeachtet auf dem Boden gelegen.

Von der Zeitungsmeldung zum Roman

Vera Gerber fällt aus ihrer heilen Kleinfamilienwelt: Ihr fünfzehnjähriger Sohn Luca bricht beim Bankomaten zusammen und bleibt liegen. Er wollte Geld für seine erste Reise ohne Eltern holen. Zehn Personen gehen an dem Jungen vorbei, die elfte ruft nach einer Stunde die Polizei. Später wird ein Hirnschlag diagnostiziert, der Jugendliche ist halbseitig gelähmt und redet nicht mehr. In knapper, eindringlicher Sprache erzählt der Roman, dem eine wahre Zeitungsmeldung zugrunde liegt, wie eine Sekunde alles verändert. Sandra Hughes spürt dem Schmerz der Mutter und ihrer Wut nach und zeigt die Suche der Familie nach einem neuen Gleichgewicht.

Die überbehütende Mutter

Sandra Hughes schafft eine Hauptfigur, die eine dieser Mütter ist, die man kritisch beäugt. Diese Mutter, die bei allem was das Kind tut, ängstlich ist. Diese Mutter, die das Kind füttert, versorgt, nicht aus den Augen lässt, auch wenn es bereits 15 ist. Diese Mutter, die eigentlich weiss, dass ein Kind erwachsen wird und weg geht. Diese Mutter, die sich all das aber nicht eigestehen kann. So eine Mutter ist Vera Gerber, die Hauptfigur in Sandra Hughes Buch. Das gibt dem Buch eine Tiefe, eine Komplexität, die sich sogartig auf die Leserin überträgt.

Und der Vater? Der Ehemann? Jan Gerber leidet. Still und für sich. Neben Veras Schmerz über die familiäre Katastrophe ist für ihn kaum Platz. Für seine Trauer. Er versucht zwischen Sohn und Frau zu vermitteln, die Situation zu entschärfen. Aber Vera lässt ihn nicht. Er versteht sie nicht, wirft Vera Jan vor. Während dem Lesen drückt es einem manchmal das Herz ab, wenn man sich in Jan hineinversetzt. Und immer wieder kommt die Wut auf Vera, die nach Innen verschwindet, sich isoliert und die das alles mit sich ausmachen will. Jan irgendwo neben ihr.

Sandra Hughes lässt nichts aus. Zeigt das Abgründige, schafft ein Psychogramm einer Mutter, das einem bleibt. Ihre Sprache ist verknappt, reduziert, teils enden die Sätze fragmentarisch. In der Sprache zeigt sich die Not der Mutter. Ein raffiniert Text auf Inhalts- und Sprachebene, der Sandra Hughes da gelungen ist.

Leseprobe

Es klingelte an der Tür. Ihr Herz hüpfte. Luca, endlich. Sie liess das Messer fallen, wischte die Finger am Tuch, bevor sie in den Flur hinauseilte. Hinter der Glastür zwei Gestalten, Männer, nicht Luca. Männer in Blau, beide gleich angezogen. Polizisten. Jan. Ein Krächzen aus ihrer Kehle, sie ging weiter durch den Flur, auf die Männer zu, die zu ihr hereinschauten. Ihr Herz pochte im Hals. Sie senkte die Türfalle, öffnete. Frau Gerber? Sie nickte, der Mann sagte etwas, sie verstand ihn nicht, das Brausen in ihren Ohren überdeckte es. Luca?, flüsterte sie. Der Mann nickte mit ernstem Gesicht, der andere Mann sagte etwas, Krankenhaus, verstand sie und schrie. Jan! Sie taumelte durch den Flur. Er schoss von der Liege hoch, als sie die Gartentür aufriss. Luca ist im Krankenhaus! Sie klammerte sich an seine Hand, als sie durch den Flur wankte, zurück zu Tür, halb gezogen von Jan. Vor dem Bankomaten, verstand sie, als Jan mit den Polizisten sprach, vor dem Bakomaten wurde er gefunden. Liegend. Luca! Sie rannte Richtung Garage, etwas schmerzte an den Füssen. Jemand fasste sie von hinten. Vera. Jan umfasste sie mit beiden Armen. Lass mich. Sie entwand sich und rannte weiter, er packte sie von Neuem. Komm zurück, Luca!, schrie sie ich will zu ihm! Der Mann in Blau redete, sie verstand nichts, sie wollte zum Fahrrad, aufsteigen, losfahren. Hände hielten ihr Glas Wasser hin. Jan kniete vor ihr, er zog ihr Sandalen an, dann ging sie an seinem Arm. Die Knie knickten ihr weg. Einer der Männer kam und schob sie in ein Auto. Er roch schlecht. Kann ich, sagte sie und rülpste, Entschuldigung. Etwas Warmes floss ihr über das Kinn. Jan putzte an ihr herum. Soll ich frische Kleider holen? Ich will zu ihm, flüsterte sie und schluckte, was Jan ihr in den Mund schob, es war bitter. Der Wind kühl in ihr Gesicht, neben dem Polizisten glitten Häuser vorbei. Sie fuhren. Es stank hier, und Sätze dröhnten in ihren Ohren. Kein Auto, das Luca angefahren hatte, kein Sturz vor die Strassenbahn, bloss gelegen vor dem Bankomaten. Mehr wissen wir noch nicht, sagte der Polizist von vorne.

Sandra Hughes
Fallen
Dörlemann Verlag, 160 Seiten
ISBN: 978-3-038200-29-1

Autor/in: Nora Zukker