Von einem der auszog, die Menschen zu retten

Während dem zweiten Weltkrieg verhalf der amerikanische Journalist Varian Fry 2000 Menschen zur Flucht von Frankreich nach Amerika. Feinsinnig beschreibt Eveline Hasler einen Mann, der viel Seufzen und Klagen, aber kaum ein Danke gehört hat. 

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff
Bildlegende: Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff

Es gibt wohl viele stille Helden. Wie zum Beispiel den Industriellen Oskar Schindler, der im Zweiten Weltkrieg Juden in seiner Firma beschäftigt und sie so vor der Deportation gerettet hat. Oskar Schindlers beherzte Tat wurde durch den Roman «Schindlers Liste» des australischen Schriftstellers Thomas Keneally und der Romanverfilmung aus dem Jahre 1993 bekannt. Nun wird auch Leben und Mut von Varian Fry einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, gedankt sei der Schweizer Schriftstellerin Eveline Hasler. Immer wieder porträtiert sie in ihren dichten Romanen aussergewöhnliche Persönlichkeiten der Zeitgeschichte.

Varian Fry wurde von einer amerikanischen Hilfsorganisation auserkoren, im Jahre 1940 mit einer Liste nach Marseille zu reisen. Auf der Liste standen 200 Namen von jüdischen Künstlern und Intellektuellen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden und wegen dem Waffenstillstandsvertrag von Frankreich ausgeliefert werden mussten. Überall begann Fry nach ihnen zu suchen und erzählte ihnen von den  Fluchtwegen via Schiff oder auf dem Landweg. Und - er schickte die ersten Leute los, Amerika hatte sich dazu bereit erklärt, sie aufzunehmen. Bald merkte er, dass sich in Marseille viel mehr Juden versteckten, als angenommen. Er vergrösserte sein Team und arbeitete rund um die Uhr.

Wenn man von der Rettung von grossen Künstlern wie den Autoren Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann oder Franz Werfel erzählt, welche Geschichten erzählt man dann? Diejenigen der Künstler? Diejenige des Retters? Diejenige von all den Menschen, die, ermutigt von Varian Frys Mut selber alles getan haben, um das Leben bedrohter Menschen zu retten oder deren Leben mindestens so angenehm wie möglich zu gestalten - wie zum Beispiel das der Kinder in einem Heim bei Toulouse? Eveline Hasler erzählt alle Geschichten. Mit ihrem unvergleichlichen Talent packt sie die grosse Faktenfülle in fast schon fassbare Bilder und spickt ihren Text mit poetischen Sätzen. Die Erfolgsautorin hat wieder ein Werk geschaffen, das einem unglaublich viel «schenkt»: Wissen, Emotionen, Mitgefühl. «Mit dem letzten Schiff» ist ein Buch, das man nicht vergisst.

Auszug, Seite 8/9, es gilt, jemanden auszuwählen, der im Namen des Emergency Rescue Comittees nach Marseille reist:

Man sah sich nach Fry um, er erhob sich. Ein grossgewachsener Mann Anfang dreissig, gepflegt und gutaussehend auf eine amerikanische Art, mit dunklen Haaren und einer modernen, doch nicht zu modischen Hornbrille. Seine Stimme war ruhig, seine Ausdrucksweise etwas steif und reserviert, nichts gab zu erkennen, wie sehr er darauf brannte, diesen Auftrag anzunehmen.
Wenn kein besserer Kandidat sich melde, sagte er, wolle er sich gerne überlegen, die Aufgabe zu übernehmen. Als einer, der sich für Kunst und Literatur begeistere, verehre er die betroffenen Künstler und Wissenschaftler sehr und wolle, wenn es dem Komitee genehm sein, nach Möglichkeit zu ihrer Rettung beitragen.

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff
Nagel & Kimche Verlag, 224 Seiten
ISBN: 978-3-312-00553-6

Autor/in: Tanja Kummer