Wenn Britney Spears mit Dave Gahan kifft

Depeche Mode Sänger Dave Gahan trifft Britney Spears vor einem Klub. Es wird gekifft & gevögelt & philosophiert. Dave Gahan war für zwei Minuten tot. Das macht ihm so schnell keiner nach.

Nora Zukker.
Bildlegende: Nora Zukker. SRF 3

Dave Gahan, Sänger von Depeche Mode, hat ein Imageproblem. Er löst es Anfang Neunziger so, wie es sich für einen Rockstar gehört: Tätowierungen, Heroin und ja, Tod. Von seinen zwei Minuten Totsein erzählt er seither gerne und in immer neuen Varianten. In diesem Monolog lässt Daniel Mezger Dave Gahan sich um Kopf und Kragen reden und seziert so messerscharf den Narzissmus im Pop, die Geschichtsklitterung in eigener Sache und den ach so menschlichen Versuch, aus der eigenen Biografie eine Geschichte zu formen.

Dave Gahan erzählt seine Geschichte, doch Wahrheit und Ordnung der Ereignisse sind ihm abhandengekommen: Liegt er immer noch in diesem Hotelzimmer? Oder mitten in Auseinandersetzungen mit Bandchef Martin L. Gore? Oder auf diesem Bärenfell von Britney Spears, die sich gerade an seinem Schritt zu schaffen macht?

Daniel Mezgers neues Buch »Als ich einmal tot war und Martin L. Gore mich nicht besuchen kam« steigt ein in den Kopf von Popdarsteller Gahan, in dessen Lebenszentrum ein Erlebnis steht, das ihm Tiefe verleihen und ihn ausmachen soll - nur kann er sich selbst leider nicht mehr daran erinnern. Darum erinnert er sich und andere gerade immer wieder und immer wieder neu daran. Ein rasant kluger und bitterböser Monolog über das Erinnern, dem nicht zu trauen ist. Und über die Arbeit an der eigenen Geschichte.

Wer sich noch nicht sicher ist, ob man so ein Buch lesen soll, dass eigentlich für die Bühe geschrieben wurde, der geht einfach ins Theater und schaut sich das Stück an: Vom 29.10. - 8.11. im Theater Winkelwiese in Zürich

Leseprobe
Ich erinnere mich noch an alle Details, ich erinnere mich noch genau. Ich war tot, ich war einmal tot. Und ich kann euch sagen, wie das war, das war so: Ich schwebte da so über mir. Und unter mir, da wustelten alle um mich herum, und die Schwester sagte: Er ist fort. Und ich schrie: Nein, ich bin doch hier, hier oben! Und der Pfleger schreit: Der Wagen, der Wagen, und der Wagen kommt, auf dem Wagen ist das Elektroschockgerät und die Schwester reisst mir das Hemd auf, an meinem Hals weint Britney Spears und sagt: Dave, du kannst uns noch nicht verlassen, es istz doch noch viel zu früh! Und ich schreie: Ich bin doch hier, hier! Und ich schreie, denn ich will noch nicht gehen, ich habe doch noch nicht ausgesungen. Die Schwester reibt meine Brust mit Vaseline ein, der Pfleger zieht Britney weg, jetzt kommt der Unterarzt, er reibt die Bügeleisen aneinander, er sagt: Obacht! Alle lassen mich los. Die Bügeleisen verbrennen meine Brust, aber ich bleibe an der Decke klebe. Es ist zu spät, sagt der Unterarzt, Britney schreit: NEIN! Ich weiss es noch genau, ich habe alles gesehen, ich war dabei, ich stand daneben, ich schreie: NEIN! Und die Schwester beginnt leise ein Lied von uns zu summen, ich versuche zu erkennen, welches Lied es ist, es hat einen kindischen Refraintext, der alles Mögliche heissten könnte, ich glaube, sie meint, es heisst: Machs gut, Dave. Aber jetzt kommt Dr. House herein, er schiebt mit seinem Stock alle beiseite und sagt - nichts. Er zieht meine Augenlider hoch, er sagt: Nichts. Ich schaue ihm zu, wie er die Bügeleisen aneinanderreibt, ich schaue ihm zu, wie er "Weg da" sagt. Der Unterarzt wiederholt: Obacht! Und es gibt einen Schlag, ein Sound, wie wenn Metallstäbe gegeneinanderkrachen. Und es passiert nichts. Und Dr. House versucht es erneut: Schon wieder dieses Geräusch, wie neunzehnvierundachzig, Metall gegen Metall, geklaut von den Neubauten. Und noch immer nichts, der Oberarzt sagt: Es hat keinen Sinn mehr. Und Dr. House sagt: Ja. Und er reibt dennoch ein letztes Mal die Bügeleisen aneinander und er legt sie mir dennoch auf die Brust, will mir die Tatoos versengen, er drückt auf die Knöpfe, und ein weiteres Mal dieses Geräusch, wie diese Samples, die Martin damals auf dem Studioboden fand, die Neubauten hatten damals schlecht aufgeräumt, und was am Boden liegt, das darf man behalten, sagt meine Mutter, sagt Martin, neunzehnvierundachzig in Berlin, und es ist neunzehnsechsundneunzig in L.A. und ich liege auf einer Krankenhausliege und starre an die Decke, wo ich eben noch hing, aber jetzt lebe ich wieder, und ins Gesichtsfeld schiebt sich Dr. House, und Dr. House sagt: Deine Katzenleben sind aufgebraucht, David!

Daniel Mezger (*1978). Aufgewachsen in den Glarner Bergen. Er absolvierte eine Schauspielausbildung an der Berner Hochschule für Musik und Theater. Ab 2001 mehrere Jahre am Jungen Theater Göttingen engagiert. Seit 2004 arbeitet er als freier Autor, Schauspieler und Musiker in Zürich. Er studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und ist Sänger bei »A Bang And A Whimper«. Bekannt wurde Daniel Mezger vor allem als Dramatiker, seine Stücke wurden zu diversen Stückemärkten und Festivals eingeladen und in Deutschland und der Schweiz aufgeführt. 2007 erhielt er von »Theater heute« eine Nominierung zum Nachwuchsdramatiker des Jahres, »Findlinge« gewann 2010 den Preis für das Schreiben von Theaterstücken der Schweizerischen Autorengesellschaft. »Balkanmusik« wurde in der Inszenierung des Mainzer Staatstheaters zu den Berliner Autorentheatertagen eingeladen und in Bern und Zürich nachgespielt. Mit einem Auszug aus »Land spielen« wurde er 2010 nach Klagenfurt zum Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis eingeladen.

Daniel Mezger
Als ich einmal tot war und Martin L. Gore mich nicht besuchen kam
Salis Verlag
ISBN: 978-3-906195-32-2

Autor/in: Nora Zukker