Wenn der Poetry Slammer einen Reiseführer schreibt

Thomas Spitzer gehört zu den Besten unterm Poetry Slam Himmel. Jetzt hat er ein Buch geschrieben. «Goethe, Schiller, Chinakohl. Als Humorbotschafter im Land des Lächelns» ist der beste Reiseführer über China. Was hier passiert ist Champions League. Leichtfüssig, gescheit und sehr unterhaltend.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Was passiert, wenn ein deutscher Poetry Slammer nach China reist, um dort an Schulen und Universitäten Workshops zu geben? Noch dazu auf Einladung des Goethe-Instituts? Als Thomas Spitzer klar wird, auf was er sich eingelassen hat, ist es zu spät: Im Laufe weniger Wochen erlebt er einen Culture Clash nach dem anderen: Er knabbert Hühnerfüsse und Heuschrecken, verirrt sich in einer 13-Millionen-Stadt, besucht eine Pandabären-Aufzuchtstation, klaut einen Bierkrug beim taiwanesischen Oktoberfest und muss am Ende des Tages feststellen, dass die Chinesen echt keinen Sinn für Ironie haben.

Dieser Mann hat Humor und wir haben alle was davon

In der Entstehungsphase des Buchs wollte Thomas Spitzer sicher gehen, dass sich der jeweilige Verlagslektor seinen Text auch wirklich ganz genau anschaut und von vorne bis hinten durchliest. Und weil das leider nur sehr selten der Fall ist und sich die unaufgeforderten Manuskripte auf dem Schreibtisch der Lektoren stapeln hat sich Thomas Spitzer gedacht, ich schreibe doch einfach einen völlig unsinnigen Satz in meinen Text. "Und plötzlich stand ich auf und penetrierte alle Leute im Raum anal." Und es hat geklappt, der Lektor seines jetzigen Verlages hat ihm das Manuskript zurück geschickt und rot angestrichen war nur eben dieser, wie sollen wir sagen, anstössige Satz.

Thomas Spitzer verliest seit 2009 selbst geschriebene Texte auf Bühnen. Seitdem hat er über 200 Poetry Slams in Deutschland, Österreich, Lichtenstein, Luxemburg und der Schweiz gewonnen, darunter das Jahresfinale 2014 in der Posthalle Würzburg und das Bunker Slam Jahresfinale 2016 in der Laeiszhalle Hamburg. Bei den bayerischen Poetry-Slam-Meisterschaften belegte er 2015 den dritten Platz. Ferner bereiste der gebürtige Freiburger mit dem Goethe-Institut Brasilien, Taiwan, China und die USA.

Seit 2015 ist Thomas Spitzer vermehrt in anderen Comedy- und Kulturformaten zu sehen - zum Beispiel beim NDR Comedy Contest oder dem Nightwash Talent Award 2016. Im Oktober 2016 erscheint mit "Goethe, Schiller, Chinakohl: Als Humorbotschafter im Land des Lächelns" seine erste längere Erzählung bei Bastei Lübbe.

Leseprobe

Generell gibt es eine grosse Brettspielkultur in Taiwan. Wegen nichts anderem treffen sich Leute in Cafés. Für Taiwan waren Brettspiele das, was die Zigarren für Kuba und Wirtshausparolen für Bayern sind. "Willst Du noch ein Schockostäbchen?", fragte der Mini-Hooligan und steckte mir erneut die Tüte mit dem geringelten Trockengebäck unter die Nase. Knabbernd und mampfend führte er mich zu einem Klassenzimmer, wobei er mir erklärte, dass ich Taiwan nicht die Kinder die Klassenzimmer wechselten, sondern die Lehrer. "Das ist in Deutschland auch oft so", sagte ich. "Ach, natürlich, natürlich", antwortete er fahrig. Ich hatte um einen Backstage-Raum gebeten, einen Ort der Ruhe, um mich in den uns verbleibenden 25 Minuten vorzubereiten. Um mich zu fokussieren, tief durchzuatmen und den Auftritt noch einmal im Kopf durchzugehen. Aber als ich dort war, verbrachte ich die komplette Zeit damit, die Wände zu inspizieren. Dort standen Dinge wie: Wir sprechen deutsch. Wir sprechen deutlich. Deutsch macht Spass! Jawohl! Oder: Die Wiedervereinigung hat mir ehrlich gesagt nicht so viel bedeutet. Oder: Hallo. Mein Spitzname ist: viele Spitznamen. Das war irgendwie süss. Gleichzeitig kam mir Deutschland auf einmal so unglaublich fremd vor. Was hat die Wiedervereinigung mir denn bedeutet? Ich musste an Philipp aus der Schulzeit denken, der auf die Frage eines Geschichtslehrers, was denn bei der Wiedervereinigung passiert wäre, antwortete: "Ja mei. Da sind halt ein Haufen Ossis nach Deutschland gekommen." Ist es nicht seltsam, dachte ich weiter, dass da irgend so ein Gebiet, dessen Grenzen schwammig und labbrig sind wie die einer Amöbe, einfach zusammengefasst und mit einem Etikett versehen wird? Noch dazu dieser Name, Deutschland, der so unendlich uninspiriert klingt. "Es ist ein Land, in dem deutsch gesprochen wird...Nennen wir es... Deutsch-Land." Wie einfallslos! Frankreich heisst ja auch Frankreich und nicht Französisch-Land.


Goethe, Schiller, Chinakohl
Als Humorbotschafter im Land des Lächelns
Bastei Lübbe Taschenbuch, 252 Seiten
ISBN: 978-3-404-60911-6

Autor/in: Nora Zukker