«Boule de suif» von Guy de Maupassant 1/4

Maupassants meisterhafte psychologische Studie spielt in einem aussergewöhnlichen Versuchslabor. In der Enge einer Postkutsche treffen zehn Menschen aufeinander, die je nach Laune, politischer Lage und eigenem Vorteil die Prostituierte «Boule de suif» verachten, umgarnen, verhöhnen oder verkaufen.

Guy de Maupassant.
Bildlegende: Guy de Maupassant. Keystone

Es ist das Ende des preussisch-französischen Krieges 1871. Die Händler Frankreichs verlassen ihre besetzten Städtchen und reisen dem Geld hinterher. Die Postkutsche nach Le Havre, wo die französische Armee steht, ist bis auf den letzten Platz belegt: mit grossbürgerlichen Händlern samt Ehefrauen, zwei Nonnen, einem Demokraten und einer flüchtenden Prostituierten.

In diesem Schmelztiegel der Gesellschaft, muss die dralle Dirne «Boule de suif» «Fettklösschen» einen Kampf um Moral und Patriotismus ausstehen. Denn ein preussischer Offizier will die Kutsche erst weiterfahren lassen, nachdem die Frau ihm zu Diensten gewesen ist. «Boule de suif», anfangs verachtet, dann wegen ihrer patriotischen Gesinnung und vor allem ihres reich gefüllten Proviantkorbs wegen von allen wohlwollend betrachtet, muss erleben, dass ihre Mitreisenden und Mitbürger nur zu gerne bereit sind, sie zu verkaufen.

Guy de Maupassant (1850-1893), literarischer Ziehsohn von Flaubert und Zola, gilt als einer der bedeutendsten französischen Romanciers des 19. Jahrhunderts. Mit seinem 1880 erschienenen Frühwerk «Boule de suif» begründete er seine schriftstellerische Karriere, die über 300 Novellen und mehrere Romane umfasst.

Sprecher: Matthias Habich, Produktion: SRF 1976, Dauer: 25 Minuten

Redaktion: Susanne Heising