«Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge» von Rainer Maria Rilke 1/9

Ein grossartiger Vorleser interpretiert die Prosa eines grossen Lyrikers: Gert Westphal liest den einzigen Roman von Rainer Maria Rilke. Der vielschichtige Text von 1910 markiert den Durchbruch zur literarischen Moderne. Seine bildstarke Sprache ist eine Herausforderung für den Leser und die Hörer.

Gert Westphal: einer der grössten Interpreten der Literatur
Bildlegende: Gert Westphal: einer der grössten Interpreten der Literatur Keystone

Malte Laurids Brigge ist 28 Jahre alt und stammt, als letzter seiner Familie, von dänischem Landadel ab. Um die Wende zum 20. Jahrhundert kommt der hochsensible junge Mann nach Paris, um Dichter zu werden. In der Art eines Tagebuchs schildert er seine Impressionen vom ebenso faszinierenden wie brutalen Alltag in der Metropole des Fin de siècle. Es ist der entfesselte technische Fortschritt, der den Takt vorgibt und neben schnellem Reichtum massenhaftes Elend produziert.

Rilke in Gestalt des erzählenden Ichs Malte versucht, der Überfülle an Eindrücken wenigstens sprachlich einen adäquaten Ausdruck zu verleihen. Dabei verfährt er nicht linear, realistisch und psychologisch. Vielmehr sprengt Rilke als erster im deutschen Sprachraum konsequent den Rahmen des klassischen Romans. Er erfindet für sein «Prosabuch», wie er es nennt, eine offene Form. Statt einer durchgängigen Handlung mit klaren Entwicklungslinien und identifizierbaren Charakteren, schafft Rilke ein immer wieder irritierendes Konstrukt aus Assoziationen und Konnotationen, aus Zeitverschiebungen und Brüchen. So wird, im Schichten unvergesslicher Sprachbilder, der sichere Grund des Wahrnehmens und Erzählens mutwillig verlassen, zugunsten einer sprachlichen Grenzerfahrung die schliesslich auf einer höheren Ebene zu einer neuen Welt- und Ich-Erfahrung führen soll.

Neben der überfordernden Gegenwart von Paris schildert Malte im Kontrast Episoden aus seiner Kindheit. Der Knabe erlebt den Untergang einer Adelsdynastie eine ebenso morbide wie luzide Erfahrung. Und schliesslich kommen, auf einer dritten Ebene, historische Figuren ins Spiel, wie etwas Karl der Kühne oder die Dichterin Sappho. Durch sie begründet der Dichter eine Art Privatmythologie, die ihm, auf einer abstrakten Ebene, bisher unbekannte Perspektiven erschliesst. Als könnte er, im extrem subjektiven Erzählen, am Ende doch noch zu sich selber finden.

Rilkes «Aufzeichnungen» sind das Zeugnis eines historischen Umbruchs und eines poetologischen Aufbruchs. Gleichzeitig behandeln sie die für den Dichter typischen überzeitlichen Themenkomplexe wie Liebe, Einsamkeit, Identität, Schicksal, Wirklichkeit und Tod. Entstanden ist so ein dichter, anspielungsreicher und vieldeutiger Text, dem man sich getrost hingeben darf, ohne alles verstehen zu wollen. Vielmehr lohnt es sich, der Sprachbewegung als solcher zu folgen. Und sich so von der Meisterschaft des Dichters (und selbst ernannten Sehers) zuweilen auch berauschen zu lassen.

Sprecher: Gert Westphal - Produktion: SRF 1973 Dauer: 46‘

Der Schauspieler Gert Westphal (geboren 1920 in Dresden, gestorben 2002 in Zürich) beherrschte die Kunst der literarischen Lesung wie kein zweiter. Insbesondere seine Interpretationen der Hauptwerke der klassischen deutschen Literatur haben Massstäbe gesetzt.

Redaktion: Reto Ott