«Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge» von Rainer Maria Rilke 2/9

Ein grossartiger Vorleser interpretiert die Prosa eines grossen Lyrikers: Gert Westphal liest den einzigen Roman von Rainer Maria Rilke. Der vielschichtige Text von 1910 markiert den Durchbruch zur literarischen Moderne. Seine bildstarke Sprache ist eine Herausforderung für den Leser und die Hörer.

Gert Westphal lacht in die Kamera.
Bildlegende: Gert Westphal in seiner Wohnung in Thalwil, 1995

Malte Laurids Brigge, der junge Dichter aus einem dänischen Adelsgeschlecht, flüchtet sich vor dem Elend auf den Pariser Strassen in die «Bibliothèque Nationale». Dort beschwört er das Glück eines einfachen, ländlichen Poeten (gemeint ist Francis Jammes, der von 1868 bis 1938 in den Pyrenäen lebte).

Doch seine Ängste lassen ihn nicht los. Es kommt zu einer gespenstischen Begegnung mit einem Sterbenden. Wie soll Malte das alles aushalten? Und wie soll er etwas, das sich jeglichem Sinn entzieht, aufschreiben? Mit Hiob klagt er: «Mich hat überfallen die elende Zeit.» Er möchte sein Nervenleiden behandeln lassen, aber der Arzt zeigt für seine Symptome kein Verständnis.

Sprecher: Gert Westphal Produktion: SRF 1973 Dauer: 30‘

Rainer (eigentlich René) Maria Rilke, geboren 1875 in Prag, gestorben 1926 im Wallis, studiert in München, wo er die Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé kennenlernt. Folgt ihr nach Berlin und auf Reisen nach Russland. 1901 Heirat mit der Künstlerin Clara Westhoff bei Worpswede. Geburt der einzigen Tochter Ruth. 1902 Reise nach Paris, wo er den Bildhauer Auguste Rodin kennenlernt. «Der Panther», das erste der «Neuen Gedichte», entsteht. 1905 erscheint «Das Stunden-Buch», 1910 der einzige Roman: «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge».

Nach dem 1. Weltkrieg verlässt Rilke Deutschland und wohnt an wechselnden Orten in der Schweiz. 1923 erscheinen, als Höhepunkt seines Schaffens, die «Duineser Elegien» und «Die Sonette an Orpheus».

Redaktion: Reto Ott