Claudia und Roger

Rogers Eintrag vom März 1970 in Claudias Poesiealbum.

Bildlegende: Rogers Eintrag vom März 1970 in Claudias Poesiealbum. SRF

Von 1968 bis 1972 ging ich mit Roger in die gleiche Primarschulklasse. Wir hatten nichts gemeinsam ausser das Geburtsdatum, den 21. März 1961. Deshalb durfte Roger in mein Poesiealbum malen. Einmal brachte er mir ein Schoggistängeli. Das habe ich nie vergessen, war es doch das erste Geschenk eines Jungen. Aber Jungs interessierten mich damals, mit neun Jahren, gar nicht, auch Roger nicht. Verliebt war ich nicht. Nach der Primarschulzeit habe ich Roger nie mehr gesehen bis im 2012, also nach über 40 Jahren.

Im Frühjahr 2011 wurde ich von einer Primarschulkollegin kontaktiert und um Mithilfe beim Organisieren eines Klassentreffens gebeten. Mit Hilfe der Primarschullehrerin erstellten wir eine Klassenliste und begannen, die Mitschüler ausfindig zu machen. Auf der Online-Plattform Stayfrieds.ch war u.a. auch Roger aufgelistet, da ich aber nichts bezahlt hatte, konnte ich nur eine Kurznachricht schicken, und wir tauschten die Mailadressen aus. Aufgrund eines Unfalls meiner Mutter (geb. 1924), welcher schliesslich zum Umzug in eine Altersresidenz führte und die Auflösung der riesigen Wohnung, in der sie 50 Jahre gelebt hatte, mit sich brachte, musste ich meine Mithilfe beim Klassentreffens absagen. Was blieb, war der Mailkontakt zu Roger.

Im Januar 2012 fragte Roger, ob wir uns mal treffen wollten, irgendwo etwas zusammen essen gehen. Erst am 4. Juli 2012 trafen wir uns dann in einem Restaurant. Wir wohnten nicht weit auseinander, etwa 15 Kilometer. Wir verbrachten einen sehr schönen Abend im Garten des Restaurants. In vielen Dingen waren wir sehr ähnlich. So haben wir beide kaufmännische Erst-Ausbildungen absolviert, wohnten in Eigentumswohnungen und erledigten nebenbei noch die Verwaltung der Stockwerkeigentümergemeinschaften. Freude bereitete uns beiden das Reisen und auch ein schönes Daheim, Skifahren und vieles mehr. Da Roger darauf bestand, zu zahlen (was mir gar nicht angenehm war), bot ich an, die Rechnung beim nächsten Mal übernehmen werde. Wir telefonierten am folgenden Tag und machten zwei Wochen später auch wieder ab. Es war erneut ein wunderschöner, heisser Sommerabend. Roger kam mich mit dem Auto abholen, und wir fuhren in mein Lieblingsrestaurant, in dem ich bis damals immer hervorragend gegessen hatte. Nur diesmal war das Fleisch total versalzen. Es war mir sehr peinlich.

Auch dieser Abend verging wie im Flug. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich Roger erst zum zweiten Mal gesehen habe – abgesehen von der Primarschulzeit. Eine Woche später hatte ich, wie immer am Donnerstag und Freitag, frei und telefonierte Roger ins Büro, um zu fragen, ob er über Mittag etwas Essen gehe. So machten wir spontan ab. Wieder fühlte ich mich sofort wohl in seiner Gesellschaft.

Am nächsten Freitag machte ich mit meiner besten Freundin ab. Ich erzählte von den Treffen und spürte immer deutlicher, dass ich mich sehr zu Roger hingezogen fühlte. Jedoch war mir auch bewusst, dass Roger seit fast 30 Jahren eine Lebenspartnerin hatte und ich keinesfalls eine Beziehung kaputt machen wollte. Roger hat mir von seiner Lebenspartnerin erzählt und dass sie 27 Jahre älter als er war. Ich beschloss also, dass ich Roger nicht mehr treffen wollte, damit ich keine weiteren Gefühle entwickeln würde, die am Schluss nur schmerzen würden. Ich habe meiner Freundin gesagt, dass ich Roger dies auch so mitteilen wolle, um ihn nicht vor den Kopf zu stossen, weil ich mich zurückziehen wollte. Dies habe ich dann auch am gleichen Tag per Mail noch gemacht. Ich habe die Gründe für meinen Rückzug ehrlich geschrieben.

Claudia und Roger am Hochzeitsfest am 17. August 2013.

Bildlegende: 43 Jahre nach seinem Eintrag ins Poesiealbum: Claudia und Roger am Hochzeitsfest am 17. August 2013. SRF

Am Samstag, 4. August 2012 bekam ich Rogers Antwort auf mein Mail. Ein sehr schönes Mail. Kurz zusammengefasst schrieb er, dass er gleiche Gefühle habe und dass ich keine Beziehung kaputt machen würde. Seine Beziehung zur Lebenspartnerin sei schon länger keine Liebesbeziehung mehr, sondern eher eine fürsorgliche Beziehung. Seine Lebenspartnerin war schon seit längerem an Demenz erkrankt und hätte ohne Roger nicht daheim leben können. Schon seit einigen Jahren habe ihm die Lebenspartnerin immer wieder gesagt, er solle sich eine jüngere Frau suchen. Ich freute mich über seine Antwort und telefonierte mit meiner Tochter, las ihr Rogers Mail vor. Da läutete es an der Türe – es war schon rund. 22 Uhr – und Roger stand da. Er blieb bis Montagmorgen und wir gingen dann beide arbeiten. Am Abend kam er wieder zu mir, diesmal mit einer Tasche voller Kleider usw. Seither wohnen wir zusammen.

Schon einige Tage später brachte er seine ehemalige Lebenspartnerin mit zum Essen. Sie umarmte mich und sagte, dass sie froh sei, dass Roger nun eine so liebe Frau wie mich gefunden habe. Kaum jemals habe ich jemanden kennengelernt, der so viel Grösse zeigte. Ich spürte aber auch, dass es für sie schmerzhaft war, trotzdem war sie ehrlich glücklich, weil sie Roger sehr lieb hatte und sie ihn glücklich sah.

Nach weiteren zwei Monaten machte Roger mir einen Heiratsantrag, den ich ohne zu überlegen annahm. Wir haben am 21. März 2013, an unserem gemeinsamen Geburtstag, geheiratet. Ein grosses und wunderschönes Hochzeitsfest feierten wir jedoch erst am 17. August 2013 im Wald mit vielen Freunden. Auch die Tochter von Rogers ehemaliger Lebenspartnerin kam zum Fest. Seine Lebenspartnerin ist nun in ein Pflegeheim umgezogen und wir besuchen sie ab und zu.

Keine Sekunde bereue ich meinen schnellen Entschluss, Roger schon nach so kurzer Zeit geheiratet zu haben. Wir geniessen unsere gemeinsame Zeit sehr.