Warum über die Liebe reden?

Die Kamera läuft: «Herz öffnen, bitte!» Gelingt es mir, nur die Oberfläche zu streifen, wird das nichts mit dem guten Film. Meine Protagonisten reden am Fernsehen über die wahre Liebe und geben dabei ihr Innerstes preis. Doch warum, um Himmels Willen, tun sie das?

Von Vanessa Nikisch

«Sag mal, würdest Du?» «Was?» «Na, vor der Kamera über die Liebe reden?» Dominic, der Kameramann, und ich sitzen im Auto Richtung Kreuzlingen. Würde ich? Würde ich nicht? Über die Liebe reden. Liebe? Ich habe gerade andere Sorgen:

Vanessa Nikisch

Bildlegende: Vanessa Nikisch Autorin SRF

Als wir von Zürich weg fuhren, war Frühlingsbeginn. Von Bäumen und Sträuchern knallten die Farben und versprühten Lebensfreude. Prima, dachte ich, schliesslich wollen wir einen Film über die Liebe drehen. Und jetzt, im Thurgau, das: Sträucher und Bäume nackt, stehen traurig-verloren in der Landschaft herum. Was für ein Bild, bitte, ist das denn? Klar, unser Film heisst «Liebe auf Umwegen.» Also keine Geschichten, in der man zackig ehelicht und dann immerfort schön. Bebildert durch bonbonfarbene Blüten wiegend im zarten Sonnenlicht – das nicht. Aber das da draussen? Das gibt visuell höchstens etwas zum Thema Scheidung her.

Bis zum Herzen vordringen. Aber wie?

«Was jetzt?! Würdest du?» Der Kameramann kommt wieder mit der Liebe. Liebe? Spüre ich gerade weniger. Mir tun die Arme weh. In Kreuzlingen angekommen, tragen wir kiloweise Material in den gepflegten Wohnblock hoch. Im Türrahmen, die Hand zum Gruss hingestreckt, steht Hermann Merz. Er ist Polizist und kurz vor dem Ruhestand. Korrekt, gewissenhaft und äusserst höflich. Vom Karibikurlaub gebräuntes Gesicht auf kompaktem Körper in Buntfaltenhosen und weissem Hemd. So weiss, dass einem fast die Augen brennen. So sieht also einer aus, der sich bei SRF meldet, um über die Liebe zu reden.

Hermann und Doris stehen vor Hochhäusern.

Bildlegende: Hermann und Doris SRF

Wir sitzen einander vis-à-vis, Hermann Merz und ich. Die Scheinwerfer sind an. Goldiges Licht. Für den verliebten Look. «Kamera läuft. Und bitte ...» Das ist das Zeichen. Ich muss jetzt nämlich ran. Ran ans Herz von Hermann Merz. Meine Aufgabe ist es, da rein zu kommen. Falls ich nur die Oberfläche schramme, wird das nichts mit dem guten Film.

Will er wirklich über die Liebe reden?

Nach gut einer halben Stunde Interview breche ich ab. Ich bin Lichtjahre von seinem Herzen und einem guten Film entfernt. Seine Antworten sind wie er: korrekt. Und fürchterlich knapp. Ich erwarte kein Aneinanderreihen von blumigen Worten – aber so emotionsmager? Passt wenigstens zur Landschaft da draussen. So könnte man es auch sehen. Will ich aber nicht.

Der Kameramann schaut mich an. Jetzt geht es wohl weniger um die Frage, ob ich, sondern ob er, Hermann Merz, über die Liebe reden würde.

Kein Schönredner

Der 60-Jährige ist keiner von der Sorte, die lässig-überlegen in die Kamera grinsen und dabei alles schönreden. Und genauso wie ihm ist allen unseren Protagonisten diese Schaufenstermentalität zuwider.

Doris

Bildlegende: Doris SRF

Trotzdem: Sie erzählen am Fernsehen ihre Liebesgeschichte. Warum? Zugegeben, ich bin ratlos. Also, Liebe, darum geht es hier. Liebe. Liebe? Himmel, was ist Liebe eigentlich? Mir schwirrt der Kopf. Ich schaue auf mein Skript. «Liebe auf Umwegen.» So lautet der Filmtitel, und ich sagte ja schon: Keine Geschichten, die schnurstracks in den Sonnenuntergang führen. Allmählich dämmert es auch mir.

Und dann plötzlich mittendrin

Ihre Liebe brachte Freude, aber auch Schmerz. Und diesen erneut erleben – davor will Hermann sich verständlicherweise schützen. Während ich begreife und wir so reden, passiert es: Wir sind drin im Herzen und in den Tiefen seines Gedächtnisses. Sommer 1964. Wir stehen auf dem Pausenplatz des Schulhauses Emmishofen. Der zehnjährige Hermann und ich. Und da hinten, beim Pavillon, steht Doris. Die Doris.

Der junge Hermann lächelt in die Kamera.

Bildlegende: Hermann SRF

Sie gibt ihrem Hermi das Freundschafts-Ketteli zurück. Schluss. Am liebsten würde ich jetzt dem kleinen Hermi aufmunternd zunicken: «He, das wird schon. Du und Doris. 50 Jahre später. Glaub mir.» Stattdessen sitzen wir da, vormittags, der Polizist und die Journalistin, Tränen in den Augen.

Drei Monate später. Heimfahrt. Im Rückspiegel scheint gerade die Sonne über dem Bodensee. Der Film ist abgedreht. Ich habe viel genickt, gefragt, gelacht, gelitten. Und ich weiss jetzt, warum meine Protagonisten vor der Kamera ihr Herz öffnen. Weil sie anderen Mut machen wollen, weiter zu hoffen, zu kämpfen, zu lieben. Sagen alle sechs unisono. Ich denke, es gibt noch einen anderen Grund: Sie haben es geschafft. Die erste grosse Liebe am Leben zu halten. Darauf sind sie stolz. Zu Recht!

Es braucht Mumm

«Nee.» «Was nee?» Dominic schaut zu mir herüber. «Ich würde nicht öffentlich über die Liebe reden.» Dazu braucht es nämlich Mumm. Nun ja, ich habe die letzten Monate intensiv über die Liebe nachgedacht. Immerhin.

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