Alexander Wertinskij: Russlands untröstlicher Pierrot

  • Freitag, 22. April 2016, 21:00 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Freitag, 22. April 2016, 21:00 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Sonntag, 24. April 2016, 18:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Ein Frack, ein Zylinder, ein weiss geschminktes Gesicht, rote Lippen und: unsterbliche Lieder. Vor 100 Jahren ging Alexander Wertinskijs Stern in Moskau auf. In den 20er und 30er Jahren sang Wertinskij in Berlin, Warschau, Paris und New York. Doch das Heimweh nach Russland war stärker.

Gemälde der Figur Pagliaccio, aus der «commedia dell'arte», dem Vorläufer des Pierrot.
Bildlegende: Alexander Wertinskij berühmteste Figur war die des Pierrot. Imago/ Leemage

In Europa tobte der Erste Weltkrieg, als in Moskau ein junger Mann in eigenartiger Kostümierung zum Star wurde: Alexander Wertinskij. Wertinskij wurde 1889 in Kiew geboren, 1913 ging er nach Moskau um berühmt zu werden. Nach einem Jahr als Sanitäter im Krieg debütiert Wertinskij 1915 in einem Kostüm, das ihn bald weltberühmt machen wird: Ein russischer Pierrot, weisses Gesicht, schwarzer Frack, Zylinder. Ein komischer, leidender und erregter Clown, der die Wahrheit spricht und gleichzeitig ein Ehrenmann ist.

Wertinskijs Lieder sind meist kleine Szenen mit einer oder zwei Figuren. Die kokainsüchtige Nachtschwärmerin und der zufällige Passant. Und immer wieder: tragische Liebespaare. Die Sujets entsprechen dem Milieu, aus dem der Sänger kommt und für das er schreibt: die grossstädtische Bohème. Und sie erfüllen ein offenbar starkes Bedürfnis: Mit dramatischen Geschichten über das Grossstadtleben, über zerstörte Beziehungen zwischen Männern und Frauen, über Sünden und Drogen lieferte Wertinskij hochfeinen Eskapismus mitten im Krieg. Palmen, exotische Schauplätze und Figuren, nicht unähnlich vielen frühen Stummfilmen. 1920 emigriert Wertinskij, ab 1923 wurde er in Berlin und Paris zum Weltstar. Am Montmartre singt Wertinskij für europäische Monarchen, für Charlie Chaplin, Greta Garbo und Marlene Dietrich.

Doch je älter Wertinskij wird, um so mehr plagt ihn das Heimweh nach Russland. Wieder und wieder bittet Wertinskij um die Erlaubnis zur Heimkehr, 1943 wird sie endlich gewährt. In den 13 Jahren bis zu seinem Tod 1956 spielt Alexander Wertinskij knapp 3000 Konzerte in sowjetischen Fabriken, Krankenhäusern, Bergwerken, Kinderheimen und natürlich auch in Konzerthäusern. 1951 gewinnt er den Stalinpreis für eine Filmrolle. Doch so populär Wertinskij auch ist: die offizielle Presse schweigt ihn tot, Schallplatten werden nicht gepresst.

Wertinskij starb am 21.Mai 1957 in einem Zimmer des Hotels Astoria in Leningrad. Am selben Tag war er noch ein letztes Mal aufgetreten. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof des Moskauer Nowodewitschij-Klosters: da, wo viele der ganz Grossen der russischen Kunst und Kultur begraben sind. Seine Lieder gehören heute zum unsterblichen Erbe der russischen Kunst des 20. Jahrhunderts.

Redaktion: Uli Hufen