Strittige Kompetenzorientierung

Für die einen ist der Lehrplan 21 ein heimlicher Wechsel zu einem rein anwendungsorientierten und messbaren Unterricht. Für die anderen knüpft er an die aktuelle Schulpraxis an und bremst die Vergessenskurve. Streitpunkt ist die Kompetenzorientierung, die Wissen und Können verbinden soll.

Schüler streckt in der Klasse die Hand auf. Lehrerin im Hintergrund.

Bildlegende: Welche Kompetenzen soll der neuen Lehrplan vermitteln? Geht dabei wertvolles Wissen verloren? Keystone

«4000 Kompetenzen» sollen die Schüler im Lehrplan 21 am Ende der Volksschule kennen müssen, so die NZZ diesen Sommer. Auf die gleiche Zahl stützt sich eine Lehrerin in der Basler Zeitung diesen November: der neue Lehrplan sei ein überladenes Regelwerk und führe zu einer «Reduktion von relevanten Lerninhalten». Die Kompetenzorientierung dient den Gegnern als wichtigstes Argument dafür, dass der Lehrplan 21 einen Verlust an Fachwissen und Kulturbildung bringe.

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Kathrin Schmocker: Kein Paradigmenwechsel

1:22 min, vom 7.11.2014

Darüber kann Kathrin Schmocker, Co-Projektleiterin des Lehrplans 21 nur den Kopf schütteln. Der Lehrplan habe nie 4000 Kompetenzen umfasst. Die revidierte Fassung weise heute 363 Kompetenzen mit insgesamt 2304 Abstufungen auf. Es finde kein Paradigmenwechsel statt.

Das Team aus Experten und Fachbeiräten, das seit 2006 an dem Werk arbeitet, hat sich laut Schmocker an der aktuellen Schulpraxis orientiert: «Die Lehrpersonen sind heute schon fast an den Lehrplan 21 gewöhnt. Sie arbeiten teilweise mit Lehrmitteln, welche die Kompetenzorientierung und andere Zielsetzungen des Lehrplan 21 bereits enthalten.»

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Roland Reichenbach: Eine unnötige Reform

0:56 min, vom 7.11.2014

Standardisierung und Vergleichbarkeit

Die Kompetenzorientierung im Lehrplan 21 ist ein Unterrichtsstandard, der schon 2011 von den nationalen Erziehungsdirektionen eingeführt wurde. Sie bildet auch die Grundlage internationaler Standards, wie jenen der OECD oder dem Pisa-Test.

Die dadurch ermöglichte Vergleichbarkeit der Bildungssysteme löst bei Roland Reichenbach, Erziehungswissenschaftler an der Universität Zürich, Unbehagen aus. Die Standardisierung und feingliedrige Abstufung führe zu einer versteckten Transformation der Schule.

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Roland Reichenbach: Viele Formen von Wissen

1:54 min, vom 7.11.2014

Einseitige Kompetenzen

Die Ausrichtung auf Kompetenzen und Anwendbarkeit sei unnötig und könne zu einem Verlust von Wissen führen: «Einen grossen Teil an Wissen kann man nicht anwenden. Bei Orientierungs-, Reflektions- oder Methodenwissen etwa geht es nicht primär um die Frage: Was kann ich damit machen, wie kann ich es verwerten?»

Deshalb sollten nicht alle Lernziele als Kompetenzen formuliert werden. Einige Bereiche wirken laut Reichenbach auf den ersten Blick vielleicht unnütz und nicht direkt anwendbar – dennoch sind sie wichtig für die Identitätsbildung und die kulturelle Orientierung.

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Kathrin Schmocker: Kompetenzorientierung wird begrüsst

1:44 min, vom 7.11.2014

Verbindung von Wissen und Können

Der Lehrplan 21 verbanne das Wissen keineswegs aus der Schule, sagt Frau Schmocker. Aber die Schule müsse daran arbeiten, «dass die Kinder ihre Lerninhalte mit bereits Gelerntem verbinden und diese auch anwenden können».

Die Kompetenzorientierung werde von vielen Seiten begrüsst, etwa von Berufsbildungs- und Gewerbekreisen. Denn das Ziel sei eine Verschränkung von Wissen und Können. Einstellungen, Motivationen und Fertigkeiten – Kompetenzen eben – sollen im Lehrplan 21 so vermittelt werden, dass sie auch später ausserhalb der Schule angewendet werden können.