Fluss des Lebens

Das fast verlorene Paradies am Rhein

Wasser bedeutet Leben: Es pulsierte einst in grosser Vielfalt entlang von Flüssen. Natürliche Flusslandschaften sind jedoch heute weitgehend verschwunden - nur in ein paar wenigen Schutzgebieten hat die zauberhafte Welt von Tieren und Pflanzen bis heute überlebt.

Morgens um vier, wenn ein geheimnisvoller Nebel über der Landschaft liegt, wenn Schwärme von Silberreihern von ihren Schlafbäumen zu den Futterplätzen fliegen, wenn eine Gruppe Rehe friedlich grast und man nichts hört ausser unzähligen Singvögeln, tritt der seltene Zauber einer solchen Landschaft zutage. Auen, die Feuchtgebiete entlang von Flüssen, sind so voller Leben wie kaum eine andere Landschaft. Der Fluss gestaltet sie immer wieder neu, lässt Altarme entstehen, wo das Geschiebe des Flusses einen Arm vom Altgewässer abtrennt, die Fluten schwemmen Bäume weg und schütten Kiesbänke auf. Hier brüten seltene Vögel. Doch es sind nicht nur die rohen Kräfte des Wassers, die eine vielfältige Auenlandschaft ausmachen. Die feineren Arbeiten übernimmt ein tierischer Landschaftsgärtner: Der Biber. Er staut Bäche mit seinen Knüppeldämmen und lässt Teiche entstehen. Er fällt Bäume und sorgt so für offene Flächen. Von diesen Teichen und Wiesen profitiert dann wieder eine Vielzahl anderer Tiere und Pflanzen - der Fluss des Lebens nimmt seinen Lauf.

In Kanada findet man in endloser Weite noch solche ursprünglichen Landschaften. Aus der Luft werden die Dimensionen bewusst, die eine Flusslandschaft von Natur aus hat. Lachse steigen hier jedes Jahr ungehindert bis in die Bergbäche auf und bieten Nahrung für hungrige Bären und Fischadler. Biber gestalten die Landschaft in tieferen Lagen. Auf den Seen sammeln sich abertausende Zugvögel, und rund herum leben Hirsche, Elche und Bisons, die ihrerseits wieder Grasflächen offen halten und dem Gebiet seine Lebendigkeit geben. Der Geist dieses Lebens hat auch die Urbevölkerung dieser Gegend in ihren Bann gezogen, und so wissen die Indianer zu jedem Tier eine Geschichten zu erzählen.

Auch in Europa war dies seit Jahrtausenden so und würde wohl auch weiter funktionieren, wenn nicht der Mensch als Gestalter mit noch mehr Macht den Biber verdrängt und die Landschaften in seinem Sinn verändert hätte. Zuerst kleinräumig mit einem hohen Einsatz an Körperkraft und viel Handarbeit, später dann mit starken Maschinen hoch effizient und überall, wo es menschenmöglich war. So sind die natürlichen Auenlandschaften Europas heute weitgehend zerstört und haben Feldern, Dörfern und Städten Platz gemacht. Um die Siedlungen zu schützen hat man die Flüsse auf engem Raum zwischen Dämme gezwängt und sie zur Energiegewinnung gestaut: So ist ihnen heute jede Dynamik genommen. Besonders in der kleinräumigen Schweiz war man bis nach dem Zweiten Weltkrieg beim Trockenlegen von Feuchtgebieten und beim Begradigen von Flüssen äusserst effizient.

In einem kleinen Gebiet am Rhein, im Elsass unweit der Schweizer Grenze hat jedoch ein kleiner Rest der ursprünglichen Rhein-Auen bis in die 1950-er Jahre überlebt. Rund um die älteste Fischzucht Europas, umgeben vom internationalen Flughafen, von der Autobahn und Industriezonen liegt die Petite Camargue Alsacienne. Auch sie wäre heute wohl längst verschwunden, wäre da nicht eine Handvoll Menschen gewesen, die den unschätzbaren Wert dieser Landschaft erkannten und sich mit aller Kraft gegen ihre Zerstörung gewehrt hätte. Dank diesem Kampf in den 1960er-Jahren ist die Petite Camargue Alsacienne heute ein geschütztes Paradies für seltene Tiere und Pflanzen. Das Schutzgebiet wurde ständig erweitert und zieht zahlreiche Naturliebhaber an. Darunter auch den Biologen Felix Labhardt, der seit vielen Jahren in der Gegend filmt und dem einmalige Aufnahmen gelungen sind. Starenschwärme, die sich abends über dem Schilf versammeln, Watvögel und Reihervögel, die nach Fischen jagen und im Schlamm nach Würmern stochern, das Ballett der Libellen bei der Eiablage, und Wildschweine, die mit Leichtigkeit durchs Wasser schwimmen. Auch seltene Vögel wie die Nachtigall, den Kiebitz und den Eisvogel konnte er in Bildern festhalten.

In einer ersten Sendung über Flussauen zeigt «NETZ NATUR» diese Bilder und erzählt die Geschichte dieser Naturinsel am Rhein und lässt auch die Pioniere und die heutigen Verantwortlichen dieses Gebietes zu Wort kommen. Historische Filmaufnahmen von Anfang des letzten Jahrhunderts zeigen, wie am Rhein früher noch im grossen Stil Lachse gefangen wurden. Heute gibt es erste Anzeichen, dass die Lachse bis in die Schweiz zurück kommen: Abertausende von Jungtieren wurden in den historischen Fischzuchtanlagen im Elsass aufgezogen und dann in Schweizer und Elsässer Zuflüssen zum Rhein ausgesetzt. In den letzten Jahren folgten sie dem Rhein bis ins Meer und kehren heute als erwachsene, laichbereite Fische allmählich wieder zurück. Dabei müssen sie die Fischpässe der zahlreichen Kraftwerke oder Schiffschleusen im Rhein überwinden, bis sie auf dem 1800 Kilometer langen Weg von Holland die Schweiz wieder erreichen.
In einer zweiten Folge am 24. Mai zeigt «NETZ NATUR», wie man immer mehr Flüsse in der Schweiz aus dem Zwangskorsett ihrer Dämme befreit – damit kehren auch unzählige Lebewesen von der Mücke bis zum Storch wieder zurück.